In krassem Gegensatz zur paradiesischen Stimmung, die die Sonne der letzten Oktobertage auf Florenz, die stolze Renaissancestadt am Arno, zauberte, herrschte im florentinischen Theater, in dem der Kongreß der Democrazia Cristiana stattfand, eine Atmosphäre des Kampfes. Die Verteidiger der Regierung Segni auf der einen Seite, voran Parteisekretär Aldo Moro, und Fanfani mit seinem Anhang auf der anderen, stritten um die Führung der katholischen Massenpartei.

Zuweilen glich das Theater einem Hexenkessel. Ränge und Galerie waren von jungen Parteifreunden dicht besetzt, die in Omnibussen aus Fanfanis naher Heimatstadt Arezza herangefahren worden waren. Ihr rasender Beifall zu jeder Pointe ihres Idols, ihr skandierter Schlachtruf: „Fan-fa-ni“ und ihre Protestpfiffe gegen die gemäßigte Gruppe um den weißhaarigen Ministerpräsidenten Segni und den erst 43jährigen Parteisekretär Moro hatten das Ziel, die Delegierten einzuschüchtern.

Diese Regie brachte Fanfani jedoch kein Glück. Der Sieg der gemäßigten Richtung ist unerwartet hoch ausgefallen. Denn die Gruppe um Moro und Segni hat bei der Wahl des Nationalrates, der als innerparteiliches Parlament die Direktion und den Generalsekretär der DC bestimmen wird, die absolute Mehrheit (68 von 120 Sitzen) erhalten.

Fanfanis Plan, den gewaltigen Unterschied zwischen arm und reich in Italien mit Sozialrevolutionären Methoden zu nivellieren und dadurch die rote Flut einzudämmen, wurde mit tosendem Beifall quittiert; aber der Beifall trog. Die Mehrheit der Delegierten hält nichts von dem Vorschlag, die italienischen Kommunisten – die im Zeichen der Luniks und der Erfolge der sowjetischen Diplomatie an Boden gewinnen – mit Planwirtschaft und anderen radikalen Kuren nach marxistischem Muster mattzusetzen; dies sei ein allzu gefährliches Experiment. Sie vertrauen mehr der soliden sozialreformerischen Politik Moros und Segnis.

Aldo Moro, der junge Professor für Strafrecht aus Apulien, war es, der Fanfani mit einer fast vierstündigen Rede zur Eröffnung des Kongresses den Donner gestohlen hatte. Der wortgewaltige Mann, der mit Erfolg vor sieben Monaten als Nachfolger Fanfanis die Zügel der Partei übernommen hat, warnte die Delegierten vor den „Wunschträumen“ der Sozialrevolutionen. Er forderte realisierbare soziale und wirtschaftliche Maßnahmen und eine klare, mit den Verbündeten abgestimmte Friedenspolitik unter Wahrung der Sicherheit des freien Europas.

Auch Fanfanis Forderung, auf die parlamentarische Hilfe der Monarchisten und Neofaschisten zu verzichten, wurde nicht erfüllt, Sie konnte nicht erfüllt werden, weil ihre Verwirklichung unweigerlich zum Sturz der christlich-demokratischen Minderheitsregierung führen würde. Fanfanis Formel von der Nützlichkeit einer „linken Mitte“ (Koalition mit den Sozialdemokraten) hat nach der Abwanderung mehrerer sozialdemokratischer Abgeordneten zur Linksopposition keine Mehrheit mehr.

Noch beim Kongreß von Trient im Jahre 1956 hatte Fanfani die Zustimmung von über einer Million Parteimitglieder erhalten. Damals stand er an der Spitze der gewählten Nationalräte. Diesmal ist er auf den zehnten Platz abgefallen, während Moro, dicht gefolgt von Segni, heute mit 1 060 000 Stimmen ganz oben rangiert.