Ich halte es für einen verhängnisvollen Fehlgriff, wenn Bischof Dibelius es ablehnt, den Obrigkeitsbegriff auf die modernen Demokratien anzuwenden, und wenn er diesen Begriff für die Monarchen "von Gottes Gnaden" reserviert sehen möchte. Das ist eine These, die dem Legitimitätsprinzip Friedrich Julius Stahls und der politischen Romantik des 19. Jahrhunderts näher steht als dem Neuen Testament und der Theologie Luthers. Diese These würde nämlich bedeuten, daß der in der Demokratie wirksame Volkswille die Stiftungen staatlicher Autorität durch den göttlichen Willen abgelöst habe, daß also der freiheitliche Rechtsstaat seines theologischen Ursprungs beraubt und in die Verfügung des Menschen übergewechselt sei. Protestantische und katholische Ethiker sind aber seit langem überzeugt, daß die "Staatlichkeit" (als Bereich geordneten Zusammenlebens, klarer Über- und Unterordnungsverhältnisse und verschiedener Verantwortungen) als gottverordnete Institution zu verstehen sei. Die Negation dieser dem Menschen unverfügbaren, weil gestifteten Ordnung der Staatlichkeit ist nicht die Demokratie, sondern die Anarchie. Die Demokratie ist — theologisch gesehen — nur eine der legitimen Spielarten, innerhalb deren die Staatlichkeit Form gewinnen kann. Wenn der freiheitliche Rechtsstaat seine Bürger durch das Wahlrecht selbst zu einer potentiellen Obrigkeit macht, so hebt er damit die Unverfügbarkeit der staatlichen Ordnung keineswegs auf. Auch die Verfassung wäre doch völlig mißverstanden, wenn man sie als Produkt einer beliebigen Manifestation des Volkswillens verstünde. Die in der Verfassung verankerten Grundrechte beruhen ja auf der Anerkennung von Werten, die menschlicher Willkür entzogen sind und als gestiftete Werte "vorgefunden" werden (Freiheit, Recht). Insofern sind Obrigkeit und Demokratie nicht gegeneinander auszuspielen.

Zu 2. Wenn jede Obrigkeit von Gott ist, so kann das nicht bedeuten, daß dem Christen nun auch jedes politische System, gleich recht sein könnte. Es gibt auch pervertierte Obrigkeit, die der Mensch nur in ähnlicher Weise als Schickung Gottes annehmen kann, wie er Leiden und Prüfungen aus seinen Händen entgegennimmt. Die pervertierte Obrigkeit liegt überall da vor, wo sie- ideologischeTyratanis total wird, wo sie also ein Bekenntnis fördert, und die SeeFen 1)scfifagrantfti?.

JSiS ?Wctaifn"nicht so sehr Staat "als FsMdöMrthe ™, < < M ; Selbst- in der Entartung jedoch bleibt, ein Minimum obrigkeitlicher Ordnungsfunktionen erhalten: Auch der massivste Unrechtsstaat kann nicht funktioneren, ohne für gewisse Dinge zu sorgen: für Ernährung, für Ordnung auf den Straßen (rechts oder links fahren). Gerade weil die Staatlichkeit eine unverfügbare Ordnung ist, kriegt der Mensch deren Grundelemente auch in der äußersten Hybris "nicht kaputt".

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: a) daß der Christ selbstverständlich den optimalen Ausdruck der Staatlichkeit ihrer pervertierten Verhüllung vorzieht. Diese optimale Form (Monarchie, Republik ) läßt sich im oibr gen nicht zeitlos im Namen einer christlichen E:hik festlegen, sondern ist je nach der geschichtlichen Situation zu bestimmen., b) Der Christ wird selbst in der ideologischen Tyrannis noch den unzerstörbaren, weil nicht verfügbaren, Ordnungsrest ehren. Indem er das tut, hilft er auch im Rahmen staatlicher Perversion einen gewissen Raum einigermaßen ideologiefreier Sachlichkeit zu bewahren. So könnte ein Christ vielleicht den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) noch beitreten, weil in ihnen der sachlichen Arbeit am täglichen Brot noch ein gewisser Spielraum zur Verfugung steht. Wahrscheinlich könnte er aber nicht mehr Lehrer werden; denn dessen Wirkungsraum ist lückenlos ideologisch- durchsetzt und bietet jener demonstrativen Sachlichkeit kaum noch eine Chance.

Charakteristisch ist für diese Situation des Christen (aber weithin auch des redlichen Humanisten überhaupt) der permanente Zwang, zwischen dem Mehr und dem Weniger an Unrecht wählen zu müssen. Abstrakte und radikale Alternativen — ob man alles verneinen oder alles bejahen solle — sind völlig illusorisch. Dehn die bloße Existenz in der Tyrannei erzwingt irgendeineForm des Mitmachens, sofern nicht das Volk als Ganzes zum Martyrium und zur kollektiven Selbstvernichtung aufgefordert werden soll. Damit wird die Existenz in der Tyrannei zu einer Existenz im Kompromiß; sie kann redlich nur durchgehalten werden, wenn man sich die Frage nach dem Mehr oder Weniger des Kompromisses stellt und sie täglich durchleidet.

Daß Herr D. Dibelius dieses komplexe und spannungsvolle Gefüge der östlichen Situation nicht sieht erscheint iriirhicht nur als Mangel theologischer Erkenntnis, sondern auch ein wenig als Mangef an 5 Barmherzigkeit : 1Zu 3 und $. Die beMen- letzten Fragen, wann der Christ und wann der Bürger gegen die Obrigkeit Widerstand leisten dürfe und müsse, möchte ich gern modifiziert sehen. Die Trennungslinie zwischen möglichen Entscheidungen verläuft nämlich nicht zwischen Christ und Bürger — der Christ ist doch in Personalunion auch Bürger und hat entsprechende Verantwortungen! — sondern sie verläuft zwischen dem Christen und der Kirche.

Der "Christ" ist gehalten, seinen Dienst in der Welt, im "Reiche zur Linken", in der Verantwortung vor Gott mit denjenigen Mitteln wahrzunehmen, die dem betreffenden Lebensbereich zugeordnet sind. Sie aber, die Mittel, variieren je nach dem, ob er als Arzt oder Richter, als Staatsmann oder Handwerker im Berufe steht. Zu diesen Pflichten kann im Reiche zur Linken auch die Wahrnehmung des Widerstandsrechtes gehören. Freilich ist der Begriff "Widerstand" im freiheitlichen Rechtsstaat nur sehr bedingt verwendbar. Denn hier ist er als "Opposition" ja verfassungsmäßig vorgesehen und mit einem legalen Spielraum ausgestattet: In der ideologischen Tyrannis dagegen ist jeder Widerstand prinzipiell illegal, so legitim er hinsichtlich seiner moralischen Erlaubtheit oder Gebotenheit auch sein mag. Die "Kirche" als Institution dagegen ist zu keiner Form, von politischem Widerstand legitimiert. Sie muß zwar kraft ihres Wächteramtes Sünde Sünde, und Unrecht Unrecht nennen. Sie ist aber nicht befugt, das sogenannte "christliche Interesse" mit Mitteln der Gewalt durchzusetzen und sich im Sinne einer Oppositionsgruppe zu betätigen — so als ob das Reich ihres Herrn eben doch "von dieser Welt" wäre.