Von René Erbe

New York, Anfang November

Der nun schon hundertzehn Tage andauernde Streik der amerikanischen Stahlarbeiter hat nicht nur die amerikanische Wirtschaft aufs schwerste geschädigt, sondern auch das Prinzip der kollektiven Lohnverhandlung öffentlich diskreditiert. Wenn der Konflikt zweier Interessengruppen („big Business“ auf der einen und „big labor“ auf der anderen Seite) sich zu einem reinen Machtkampf zuspitzt, unter dem die ganze Nation zu leiden hat, so müssen offenbar Mittel und Wege gefunden werden, um solche Situationen künftig zu vermeiden. Man darf annehmen, daß der amerikanische Kongreß und die Regierung in absehbarer Zeit nach solchen Mitteln suchen werden – wenn auch kaum vor den Wahlen im Jahre 1960.

Ein Rückblick auf die Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung erleichtert die Beurteilung der gegenwärtigen Probleme. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde die Antitrust-Gesetzgebung sehr häufig gegen die Gewerkschaften eingesetzt. Man machte die Gewerkschaften oder ihre Vertreter für Schäden verantwortlich, die aus •Streiks oder Boykotten entstanden, brummte ihnen gesalzene Strafen auf und ruinierte sie damit finanziell. Erst 1914 wurde das Clayton-Gesetz verabschiedet das ausdrücklich fordert, daß dieAntitrust-Bestimmungen nicht auf die Gewerkschaften anwendbar seien. Dennoch widersetzten sich vor allem die großen Massenproduktions-Industrien mit allen Mitteln – und bis in die Dreißigerjahre auch mit Erfolg – dem Vordringen der Gewerkschaften. Die „American Federation of Labor“ blieb lange Zeit ein schwacher Verband. Sie zählte zu Beginn der großen Krise nur drei Millionen Mitglieder.

Die Wende kam erst unter der Roosevelt-Administration. Im Wagner-Gesetz aus dem Jahre 1935 heißt es klipp und klar: „Die Arbeitnehmer haben das Recht zur Selbstorganisierung, zur Bildung von Arbeiterorganisationen und zum kollektiven Verhandeln durch selbstgewählte Vertreter Die Roosevelt-Regierung brachte auch endlich klare Schutzbestimmungen für Frauen- und Kinderarbeit sowie Minimallöhne. In jene Jahre fiel auch das rasche Wachstum der großen industriellen Massengewerkschaften, die sich zum „Congress of Industrial Organisation“ (CIO) zusammenschlössen.

Nach der japanischen Kapitulation berief Präsident Truman eine große Konferenz der Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Organisationen ein. Sie sollte einen vernünftigen Weg für die Beilegung von Arbeitskonflikten in Friedenszeiten finden. Leider bestand das ganze Resultat dieser Konferenz nur aus rhetorischen Leistungen. Eine Streikwelle überflutete die Vereinigten Staaten. Die Automobil-, Kohlen- und Stahlarbeiter sowie die Eisenbahner legten für längere oder kürzere Zeit die Arbeit nieder: 1946 errangen die Republikaner die Mehrheit im Kongreß und interpretierten ihren Wahlsieg als eine Reaktion gegen die Auswüchse der Macht der Gewerkschaften. Der große Gegenspieler von Truman, der republikanische Senator Taft aus dem Industriestaat Ohio, suchte in einem nach ihm benannten Gesetz diese Macht der Gewerkschaften und insbesondere ihr uneingeschränktes Recht zum Streik zu begrenzen. Präsident Truman legte sein Veto ein, obwohl die Antistrek-Bestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes bedeutend weniger scharf waren als die seinerzeit von ihm selbst vorgeschlagenen! Der Kongreß überstimmte jedoch das Veto des Präsidenten, und das Gesetz trat in Kraft.