Man soll nicht versuchen, das Problem mit philologischem Scharfsinn zu lösen und etwa nachzuweisen, daß Luthers Übersetzung die Meinung des Apostels nicht einwandfrei wiedergibt. Die Forderung, „jedermann sei Untertan der Exusia – Obrigkeit, Herrschaft, Behörde –, die Gewalt über Euch hat“, ist eindeutig und klar, auch wenn sie, namentlich für uns Protestanten, das Gewissen weder bindet noch befreit.

Ich folge Bischof Dibelius nicht, wenn er meint, in der Demokratie mit ihren offenkundigen und offen erörterten Unzulänglichkeiten sei der Begriff „Obrigkeit“ nicht am Platze. Auch der demokratische Staat, vielleicht sogar gerade er, ist Obrigkeit im edelsten und ernstesten Sinne, insofern er, wie es bei uns geschieht, sich gewisenhaft bemüht, das sittliche Wollen seiner Bürger und nicht irgendeinen Machtanspruch zu verwirklichen.

Der entscheidende Gegensatz besteht jedenfalls nicht zwischen dem alten Obrigkeitsstaat und der modernen Demokratie, sondern zwischen dem Rechtsstaat und dem auf Gewalt gegründeten Unrechtsstaat, der seine Ordnung grundsätzlich nicht nach dem sittlichen Wollen seiner Bürger, sondern zur Sicherung seiner Gewaltherrschaft gestattet.

Einem solchen Unrechtsstaat gegenüber gilt die Gehorsamspflicht des Christen und überhaupt jedes Bürgers nur bedingt und begrenzt. Er kann sich zwar nicht der Notwendigkeit entziehen, Steuern zu zahlen, unpolitische Gerichtsurteile anzuerkennen, Verkehrsregeln zu beachten; aber er ist zum Ungehorsam berechtigt, ja verpflichtet, wenn ihm das Staatswesen, in dem er lebt, ein Handeln oder Unterlassen vorschreibt, das gegen das Gewissen geht.

Die langjährigen Erörterungen zum Aufstand der Männer, insbesondere der Offiziere am 20. Juli 1944, haben zwingend dargetan, daß sich gerade auch der Christ nicht scheuen darf, in scheinbarem Gegensatz zu Paulus Worten, sogar zur gewaltsamen Auflehnung zu schreiten, wenn er verbrecherisches Unrecht beenden will.

Bei der Fragestellung handelt es sich also nicht um Gehorsam schlechthin, um einen ungeteilten, unbedingten Gehorsam. Einen solchen wird kein Christ, ja überhaupt kein nachdenklicher Mensch,, gegenüber irdischen Einrichtungen anerkennen. Die Gewissensentscheidung, sich darüber klarzuwerden, wo die von Paulus geforderte Gehorsamspflicht endet, mag in vielen Fällen schwierig, jedenfalls aber unbequem und peinlich sein; sie wird uns jedoch durch keine Bibelinterpretation abgenommen.

Daß es eine Grenze der Gehorsamspflicht gibt, hat sicherlich auch der Apostel gewußt, anerkannt und bei seinen Worten als selbstverständlich vorausgesetzt.