D K., Hamburg

Drei Richter, zwei Schöffen, ein Ergänzungsrichter, ein Ergänzungsschöffe, ein Protokollführer zwei Staatsanwälte, ein Verteidiger und ein Anger klagter sind jetzt länger als zwei Jahre mit einem Prozeß beschäftigt, über den die Öffentlichkeit wenig erfuhr. So wenig der „Dörr-Prozeß“ für die Zeitungen hergab, so reichlich füllte er die Akten des Gerichts. Ein wahrhaft bibliotheksbildender Prozeß! Ein langes Regal hinter dem Richtertisch ist mit den Akten des Falles gefüllt. Und vor den Richtern stehen 70 Bände mit den Protokollen der Hauptverhandlung. Auf 19 200 Blatt hat sich niedergeschlagen, was während der zwei Jahre hier im Gerichtssaal gesagt worden ist.

Die Fäden, die der Textilmagnat Dr. Dörr wob, um sich – wie die Anklageschrift behauptet hatte – unrechtmäßig zu bereichern, sind schwer zu entwirren. Die Plädoyers der Staatsanwälte erstreckten sich über neun Tage. Oberstaatsanwalt Keller plädierte neun, Staatsanwalt Arius 37 Stunden. Vier Wochen Frist für die Vorbereitung seiner Erwiderung hat der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Percy Barber erhalten.

Worum geht es in diesem Monstreprozeß? Die Anklage lautet auf aktienrechtliche Untreue, falsche Berichterstattung und Verstöße gegen die Devisengesetze.

Dr. h. c. Richard-Eugen Dörr, damals Generaldirektor der Phrix-Werke A. G., hatte 1949 in Zürich unter Einschaltung von Strohmännern die Crgatex A. G. gegründet, um über diese Gesellschaft Zellulose-, Zellwolle- und Kunstseiden-Produktionsverfahren zu verwerten und Maschinen für neue Fabriken zu liefern. Das Gründungskapital stammte aus dem Vermögen der Phrix und wurde, ohne daß die zuständigen deutschen Behörden davon wußten, in die Schweiz transferiert. Die Anteile an der Orgatex hatte ein Schweizer Rechtsanwalt, der zum Präsidenten des Unternehmens bestellt worden war, als Treuhänder für Dr. Dörr inne.

Von 1950 an ließ Dr. Dörr Waren, die die Phrix nach den USA und nach Kanada zu liefern hatte, über die Orgatex leiten und diese Lieferungen unterfakturieren, so daß sich bei der Orgatex, die bei diesen Geschäften im Grunde nur eine Briefkastenfunktion hatte, Millionenbeträge ansammelten.

Mit den auf diese Weise in die Schweiz verlagerten Geldern entfaltete die Orgatex auf Weisung Dr. Dörrs eine intensive Tätigkeit. So wurden sie dazu benutzt, auf den Arbeitsgebieten der Phrix in Spanien die seit 1945 unterbrochenen Beziehungen neu anzuknüpfen, mehrere Gesellschaften mitzugründen, Beteiligungen an kaufmännischen Unternehmen und Grundstücke in der Schweiz zu erwerben und Sperrmarkbeträge anzukaufen, mit denen komplizierte Transaktionen vorgenommen wurden.