Von Ingrid Neumann

Wenn in diesen Tagen die Crême der westdeutschen Eisenwirtschaft, ihre Techniker, Wissenschaftler und Praktiker, zum Eisenhüttentag 1959 nach Düsseldorf kommen, dann wird neben dem umfangreichen und vielseitigen Tagungsprogramm – dank dessen Niveau der Verein Deutscher Eisenhütten-Leute einen internationalen Ruf genießt – auch die Stahlkonjunktur ein wichtiges und vor allem wieder ein erfreuliches Thema sein. Es ist kein Geheimnis mehr daß der Stahl die drohenden Tagessorgen überwunden hat, die im vorigen Jahre den Eisenhüttentag überschattet haben. Vielmehr schickt sich die westdeutsche eisenschaffende Industrie an, das Jahr, das noch mit einem sehr trüben Ausblick begonnen hatte, als Rekordjahr zu beenden.

In den Stahl- und Walzwerken des Ruhrreviers läuft der Motor der Produktion wieder hohe Touren. Die Mehrzahl der Unternehmen hat in den letzten beiden Monaten absolute Rekordergebnisse erzielt, die sogar die Erwartung rechtfertigen, daß die westdeutsche Rohstahlerzeugung des Jahres trotz einer bis in den Frühsommer hineinreichenden Produktionsdrosselung auf bisher nie erreichte Höhen klettern wird. Die für 1959 anzunehmende Rohstahlquote von 25,2 Mill. t – das bedeutet eine Zuwachsrate von mehr als 10 v. H. – ist nicht nur Balsam auf die Wunden des vergangenen Jahres; sie bedeutet auch, daß die Werke im Schnitt an den Grenzen ihrer „durchhaltbaren“ Kapazität angelangt sind. Und welche Industrie singt nicht gern mit im Chor der Vollbeschäftigung ...

Das ist zwar für die westdeutsche Stahlindustrie kein unbekanntes Lied, aber nach den langen Krisenmonaten in Moll wirkt das neue Motiv beruhigend. Vorderhand fehlen auch die Dissonanzen noch völlig. Die – erhöhte – Stahlproduktion hat wieder ihren Markt, der im Inland ausgezeichnet und im Export auch nicht zu verachten ist. Viele Werke können bei einem insgesamt vorliegenden Auftragsbestand von 4,2 Mill. t Walzstahl dem Winter mit einiger Gelassenheit entgegensehen – und sie tun es auch. Während der Flautenmonate am Stahlmarkt war das Auftragspolster fast bis auf 3 Mill. t zusammengeschrumpft. Das war kein sanftes Ruhekissen mehr, und die ständig über den Bestellungen liegenden Auslieferungen trugen anhaltend zur Nervosität der Erzeugerfirmen bei. Auch diese Erscheinung gehört jetzt der Vergangenheit an.

In den letzten beiden Monaten, in denen Aufträge für 1,6 und 1,5 Mill. t Walzwerk-Fertigerzeugnisse in den Büchern der Werke registriert wurden, lagen die Lieferungen um jeweils 200 000 bis 250 000 t unter diesen Zahlen. Wie entscheidend sich das Blatt am Stahlmarkt gewendet hat, zeigt ein Vergleich der Auftragszugänge im dritten Quartal dieses Jahres mit dem Monatsdurchschnitt in der Zeit vom 1. Juli 1958 bis 30. Juni 1959: der Vergleich ergibt ein Plus von 44 v. H. Allein im Inlandgeschäft sind die Umsätze um 51 v. H. gestiegen.

Überhaupt ist der Inlandmarkt der Motor des neuen Stahlbooms. Die sich schon seit Monaten belebende Stahlnachfrage der westdeutschen Verbraucher geht sogar weit über die des Jahres 1957 hinaus – ganz zu schweigen von 1958, als der monatliche Auftragseingang aus dem Inland auf 775 800 t gesunken war. Da sieht die Vergleichszahl des dritten Quartals 1959 mit 1,3 Mill. – der Oktober liegt etwa gleich – schon anders aus. Selbstverständlich sind auch die Lieferwünsche der ausländischen Verbraucher gestiegen. Die Walzstahlaufträge aus dem Raum der Montanunion haben mit 62 000 t (44 000 t im Durchschnitt des Vorjahres) wieder das Niveau von 1957 erreicht, während die Nachfrage aus den sogenannten dritten Ländern mit etwa 250 000 t im Durchschnitt des dritten Quartals (im Gegensatz zu 188 600 t im Vergleichszeitraum des Vorjahres) zwar auch den Ruck nach oben mitgemacht hat, aber nicht mit dem Tempo des Inlandgeschäfts Schritt hält.

Im Gegensatz zu den früheren Haussejahren baut die westdeutsche Stahlindustrie jetzt ganz bewußt auf den heimischen Markt. Dabei ist das Argument, daß sich die stahlerzeugenden Unternehmen nicht gern im Schlepptau des amerikanischen Stahlarbeiterstreiks – der ja auch einmal sein Ende finden wird –, finden möchten, nicht einmal entscheidend für diesen Gesinnungswandel. Eine wieder produzierende Stahlindustrie in den Vereinigten Staaten wird – selbst wenn sie Exportinteressen nicht unmittelbar berührt – ihre indirekten Ausstrahlungen auf den europäischen Markt haben, die allerdings um so harmloser sein werden, je weniger sich die Bundesrepublik als „Ersatzlieferant“ betätigt hat.