Die Länder der westlichen Welt haben sich während des vergangenen Jahrzehnts daran gewöhnt, die Gebefreudigkeit des großen Bruder Amerika als schier unbegrenzt anzusehen. Diese Gewißheit ist jetzt durch Sparankündigungen Washingtons zerstört worden. Und plötzlich herrscht Unruhe in den Hauptstädten diesseits des Eisernen Vorhangs, vor allem aber in den Metropolen der NATO-Länder.

Zu den Meldungen, daß im kommenden Haushaltsjahr eine Reduzierung um 700 Mill. Dollar (3 Mrd. DM) vorgesehen sei, erklärte jetzt allerdings der Pressechef des State Department, bisher sei in dieser Frage noch keinerlei Entscheidung gefallen.

In diesem Jahr haben die USA ihren Alliierten und den neutralen Staaten 7,5 Mrd. Dollar zukommen lassen. Etwa die Hälfte dieser Summe bestand aus Militärausgaben. Und hier, so glaubt Washington, ließe sich einiges einsparen.

Doch wenn man Washington sagt, dann wäre es wohl korrekter und prääziser, statt dessen einen Namen einzusetzen: Robert B. Anderson. Seit einiger Zeit schon haben die Eingeweihten zweierlei bemerkt: Erstens, daß nach dem Tode von John Foster Dulles der Finanzminister zur beherrschenden Figur im Kabinett Eisenhower geworden ist. Und zweitens, daß dieser Mann, der in erstaunlichem Maße das Ohr und das Vertrauen des Präsidenten hat, und der in Europa bisher nur gerade eben dem Namen nach bekannt war – daß also dieser Mann mit großer Entschlossenheit darauf hinarbeitet, das amerikanische Budget wieder auszugleichen. Vor ein paar Tagen machte in den Vereinigten Staaten die Äußerung eines (ungenannten) Kabinettsmitglieds die Runde: „Wenn der Präsident sich seinen Nachfolger selber aussuchen könnte, dann würde er nicht Nixon oder Rockefeller wählen, sondern sicherlich Finanzminister Anderson.“

Nun hat Eisenhower, der die sachlichen Forderungen Andersons offenbar mit seiner ganzen Autorität deckt, gerade erklärt, Amerika könne nicht länger die Rolle des Atlas spielen, der die Bürde der Welt (was hier bedeutet: die finanzielle Bürde der westlichen Welt) auf seinen Schultern trägt. So daß denn also – trotz des jüngsten Dementis aus Washington – kaum noch Zweifel darüber bestehen, daß der Präsident, wenn er am 19. Dezember in Paris mit Macmillan, de Gaulle und Adenauer zusammentrifft, seinen Alliierten auch finanzielle Forderungen präsentieren wird. Im amerikanischen Finanzministerium herrscht die Ansicht, daß vor allem jene europäischen Länder, die in letzter Zeit beträchtliche Dollarreserven angesammelt haben, stärker als bisher zur Finanzierung der westlichen Verteidigung beitragen müßten. Es heißt, man denke hierbei vor allem an Frankreich und die Bundesrepublik, während die „ärmeren“ NATO-Länder wie etwa Griechenland, die Türkei und Spanien von Forderungen verschont bleiben sollen. Hans Gresmann