Charlotte und ihr Vater waren offensichtlich in Sicherheit, sie dachten nicht böse über unseren A. D, sie kümmerten sich um ihn. Freilich, einen Appell an die Öffentlichkeit zu richten, das vermochten auch Charlotte und ihr Vater nicht. A. D war die Fliege, die sich im Spinnennetz eines Geheimverfahrens gefangen hatte. Es gab keine Rettung für ihn.

Während der nächsten siebenundzwanzig Jahre vermochte es A. D, sich aus tausend kleinen Einzelheiten, die er sich in Festungen, Gefängnissen, Konzentrations- und Internierungslagern von jeweilig gestürzten Größen zusammenholte, ungefähr ein Bild zu machen, das geeignet war, zumindest das Parallelogramm der Kräfte zu errechnen, das A. D s Schicksal bestimmt hatte. Es hat sich nämlich hier in aller Stille ein kleiner "Fall Dreyfus" abgespielt. Hier wie damals in Frankreich war ein harmloser und gänzlich unbedeutender Mann über einen Zwirnsfaden gestolpert. Das vergleichsweise harmlose Geschehnis wurde nur deshalb ein "Fall", weil höhere Mächte — damals die französische Armee, diesmal die deutsche — ihn brauchten. Hatte damals die französische Armee aus politischen Ablenkungs gründen einen Gipfel des Antisemitismus provoziert, so diesmal die deutsche einen Höhepunkt des Antikomnrunismus.

Heute ist längst festgestellt, daß damals die Reichswehrführung, zumindest der General von nären getreten waren, um über konkrete Pläne einer — natürlich streng geheimzuhaltenden — gemeinsamen Aufrüstung gegen die Mächte des Westens zu konferieren. Es war noch nicht lange her, seit die Sowjetunion ihre blutigen Revolutionskämpfe gegen die "Weißen Armeen" (die samt und sonders von den Westmächten unterstützt worden waren), siegreich beendet hatte. Die Reiterarmee Budjonnys hatte Polen durchstoßen bis an die Grenzen Ostpreußens; die französischen Generäle Foch und Weyganä aber hatten im Verein mit dem polnischen Staatsmann und Soldaten vollbracht, hatten die Sowjets wieder aus Polen hinausmanövriert und den Frieden erzwungen. Dergestalt also waren die Westmächte, insbesondere Frankreich, die Feinde der Sowjetunion, wie sie, insbesondere Frankreich, auch die Feinde einer neuen und kräftigen Souveränität Deutschlands waren. Die Reichswehrführung hatte darauf die Chance wahrgenommen, die ihr durch die beiden Sowjetfunktionäre Krassin und Radek geboten wurden: geheime Rüstung. Seeckt und Schleicher verhandelten also. Aber sie verhandelten o, geheim, daß nicht einmal ihre eigene Reichsregierung davon eine Ahnung hat te. Eine Ahnung davon hatten aber die Polen; eine Ahnung hatte auch Frankreich, das sich soeben auf das Abenteuer der Ruhrbesetzung eingelassen hatte. Als die Franzosen am 26. Mai 1923 Albert Leo Schlageter erschossen, einen der wenigen Nationalisten, die versuchten, den passiven Widerstand an der Ruhr in einen aktiven zu verwandeln, hatten die Blätter der Rechten einen Märtyrer gefunden. Die Kommunisten hatten bis dahin die Ereignisse an der Ruhr als Streitigkeiten innerhalb der kapitalistischen Welt, als Konkurrenzkämpfe zwischen den französischen und deutschen "Schlotbaronen" hingestellt und Albert Leo Schlageter als einen Abenteurer, Landsknecht und Arbeitermörder. Da erschien, nach Schlageters Tode, in den deutschen kommunistischen Blättern und im amtlichen sowjetischen Nachrichtendienst ein Artikel Radeks: "Ein Wanderer ins Nichts Darin feierte der sowjetische Publizist plötzlich Schlageter als einen revolutionären Kämpfer und schrieb: "Wir werden alles tun, daß Männer wie Schlageter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden " Die Franzosen begriffen sehr wohl, was das zu bedeuten hatte. Vom gleichen Augenblick an beteiligten sich die deutschen Kommunisten, anfangs freilich etwas verwirrt, aktiv am passiven Widerstand im Ruhrgebiet. Aber auch die Reichswehrführung begriff: Ihre gesamte Existenz, mühsam aufgebaut und raffiniert getarnt, hing allein vom guten Willen der Franzosen ab und von ihrer Einsicht, daß die Reichswehr das einzige Machtinstrument war, das imstande sei, die kommunistische Gefahr in Deutschland zu bannen. Es mußte der Reichswehr aber daran gelegen sein, sich gegen jeden Verdacht zu legitimieren, daß sie mit den Kommunisten im Einverständnis sei. In diesem Augenblick stolperte der kleine, blutjunge, harmlose Reichswehrleutnant A. D über einen Zwirnsfaden. Da war er, der eklatante Fall! Der Mann hatte Verbindungen zu den Kommunisten! Da war er, der von den Franzosen so gefürchtete Kontakt! Da war die Gelegenheit, daß die Reichswehr zeigen konnte, was sie von den Kommunisten hielt.

Das Weitere ging sozusagen automatisch vonstatten. Natürlich hatte Seeckt keine Ahnung von den privaten, persönlichen Zusammenhängen, die A. D in sein Schicksal getrieben hatten; irgendein anonymer Sachbearbeiter, die Akten über A. D. vor sich auf dem Tisch, mußte den Fall natürlich bearbeiten. Er mußte ihn ebenso natürlich so bearbeiten, daß aus ihm Honig zu saugen war für das Amt. Geheime Reichssache! Hoch- und Landesverrat! Aber das Reichsgericht? Das machte mit? Nun, auch hier galt ja das Kennwort: Geheim. Aber konnte diese geheime Sache geheim bleiben, wenn A. D seine Haft überlebte? Die Alternative zu einem Todesurteil war eine so lange Zuchthausstrafe, daß angenommen werden konnte, am Ende dieser Zeit existiere entweder das Reichsgericht oder die Reichswehr oder A. D nicht mehr. Was wollte dieser Knabe A. D eigentlich noch, dieser Mann, der in seiner hemmungslosen Geständnissucht die ganze Sache erst angerührt hatte? Das Reichsgericht gab ihm eine Chance, zu überleben.

So einfach war das? Es war so einfach! In diesem Spinnennetz der politischen Interessen also zappelte A. D. Ihm hätte, wie im Falle seines französischen Leidensbruders, des Kapitäns Drey