Von Thilo Koch

Brotstudent“ und „Philosophischer Kopf“ – Schillers idealtypische Unterscheidung aus seiner Jenaer Antrittsvorlesung ist 1959 noch immer so aktuell, wie sie es 1789 war. Der Mann, der vor nunmehr zweihundert Jahren geboren wurde, stand oft im Schatten seines größeren und breiteren Mitklassikers, im Schatten Goethes, der zehn Jahre früher auf die Welt kam und sie siebenundzwanzig Jahre später verließ. Fünf Dünndruckbände bergen in der neuesten Ausgabe das Werk Schillers – siebzehn Bande brauchte Beutlers Artemis-Ausgabe allein für den literarischen Teil der Schriften Goethes. Der große Mann muß alt werden, um sein Genie ganz ausschöpfen und ausdrücken zu können.

Thomas Mann wies in seiner berühmten Rede zu Schillers 150. Todestage im Jahre 1955 darauf hin, daß dieser: deutsche Autor ein Element, ein Lebensstoff, ein Vitamin in der geistigen Lebensökonomie unserer Gesellschaft sei: „Daß sein Andenken erlöschen dürfe, daß er unzeitgemäß geworden sei, uns nichts mehr zu sagen habe, ist Vorurteil und Wahn. Es ist eine Meinung von gestern, sie ist veraltet.“

„Festgemauert in der Erden...“ – diese „Glocke“ scheint nicht mehr für unsere Zeit zu läuten. Der Deutschunterricht, die Germanistik – aber auch deutsche Verlage sind schuld an unserem beklagenswert leblosen Verhältnis zu den „Olympiern“ deutscher Dichtung. Weder die Goldschnitt-Klassiker mit dem reichverzierten Rücken und der steifen Fraktur noch das verdienstvolle kleine Reclam-Heftchen sind rechte Gefäße für die Substanz unserer Sprache.

Zwischen den beiden Schiller-Jubiläen entschloß sich der Hanser-Verlag zu seiner neuen umfassenden Ausgabe. Alle fünf Bände liegen zum 200. Geburtstag vor –

Friedrich Schiller: „Sämtliche Werke“, Carl Hanser-Verlag, München; jeder Band 1000–1300 S., 26,– DM.

Das Verdienst an den Hanser-Klassikern gebührt in erster Linie dem literarischen Leiter des Verlages Dr. Herbert G. Göpfert, der für die Sämtlichen Werke Schillers zusammen mit Gerhard Fricke als Herausgeber zeichnet. Göpfert steht in der besten Tradition deutschen Buchhandels mit seinem beharrlichen Versuch, die großen Texte der deutschen Literatur abzustauben, aus ihrer olympischen Isolierung zu befreien und sie in neuer Gestalt auch im zwanzigsten Jahrhundert heimisch zu machen.