Die Kunst jenes sozusagen klassischen Feuilletonismus, der in eleganter und geistreicher Form fundiertes Denken, originelle Anschauung und präzise Urteile bietet, ist längst nicht mehr so verbreitet, wie es den Anschein hat. An ihre Stelle ist vielfach ein mehr oder minder witziges oder witzelndes Wortgeplätscher getreten, dessen Kennzeichen gerade die Oberflächlichkeit und die absolute Unverbindlichkeit wurden. Man stößt da immer wieder auf die modischen Schlagworts und die gängigen Klischeevorstellungen.

Die Ahnenreihe der großen Feuilletonisten und Essayisten, die zur Herausforderung berechtigt sind, umfaßt Namen wie Montaigne, Pascal, Lessing, Friedrich Schlegel, Schopenhauer (den Aphoristiker), Heine, Nietzsche und Karl Kraus. Nicht unwürdig reiht sich ihnen Sigismund von Radecki an, der übrigens einmal vergeblich für die Nobelpreiskrönung des Essayisten Kraus plädierte. Die zahlreichen Verehrer seiner Feder werden es begrüßen, daß in der Serie „Die Bücher der Neunzehn“ ein höchst appetitliches Sammelbändchen von ihm erschien, das 55 Aufsätze, Ansprachen, Betrachtungen und Skizzen in allen Graden der Ernsthaftigkeit zusammenfaßt (einige davon einem früheren, längst vergriffenen Buche entnommen):

Sigismund von Radecki: „Im Vorübergehen“; Kösel Verlag, München; 284 S., 7,80 DM

Gewiß, nicht alle Beiträge wiegen gleich. Es gibt auch manche billigere Münze. Aber der Kernbestand der Sammlung (etwa „Kinder“, „Rund ums Bezahlen“, „Die Luntenschnur“, „Denken und Zeit“, „Kinoerlebnisse“, „Gespräch mit einem Ingenieur“, „Bemerkungen über den Sport“, „Habakuk und Goethe“, „Spazierengehn“, „Merkblatt für sich Ärgernde“) repräsentiert geistigen Rang, dialektische Meisterschaft und schriftstellerische Qualität.

Zugleich weckt manche bei Radecki getroffene Entscheidung auch Widerspruch. Aber um ihn geltend zu machen, bedarf es eben der Aktivität und des Urteilsvermögens, die aufzurufen das eigentliche Ziel des Essayisten bleibt. a-th