Alte Musik, auch wenn sie zu ihrer Zeit bedeutend war, wirkt heute teilweise langweilig, weil sich manche musikalischen Formeln verbrauchen. Unverbraucht, weil genial au fond, spricht aus einer Entfernung von mehr als drei Jahrhunderten Claudio Monteverdi zu uns. Das ist um so erstaunlicher, als dieser zu den frühesten Opernkomponisten zählende Kirchenmusiker im Priesterstande der Zeit eines „Umbruchs“ angehörte. Vor Heinrich Schütz, dem Monteverdi Unterricht gab, gelang ihm eine Stilsynthese zwischen der alten, aufs höchste verfeinerten Polyphonie und einem „Ausdruck“, wie ihn die neue Oper verlangte. Von ihrer melodischen Kraft und vom Reichtum an lapidar wirkenden, wechselnden Seelenstimmungen, die Monteverdi vor allem mit Hilfe einer persönlichen Harmonik belebte, zeugt Il ritorno d’Ulisse in patria (Die Heimkehr des Odysseus). Diese vorletzte Oper des 74jährigen erlebt gegenwärtig in Wuppertal eine vielgerühmte szenische Neuaufführung.

Auf die Einrichtung dieser Partitur durch den unermüdlichen Kölner Kammermusiker und Dirigenten Erich Kraack – wegen seiner Verdienste um alte Musik in Fachkreisen „Monte-Kraack“ genannt – stützte sich auch die Darbietung desselben Dramma in musica im Abendprogramm des NDR. Hier erklang unter Kraacks musikalischer Leitung die Oper konzertant, wobei einzelnen Sängern mehrere Partien zugeteilt waren. Die nun oratorienhaften, italienisch gesungenen Musiksätze wurden durch deutsch gesprochene Texte aus Homers „Odyssee“ verbunden. Ernst Drolinvaux bewies bei dieser Umtextierung der Oper zum Konzertwerk Spürsinn und Geschick. Nachdem eine Neuinstrumentierung von Monteverdis Odysseus – Oper durch Luigi Dallapiccola 1942 für den Maggio musicale Fiorentino ziemlich folgenlos geblieben ist, wäre zu wünschen, daß die zweifach bewährte Doppelfassung Kraacks für Monteverdis so bedeutende wie lebendige Musik von neuem die Wege zu Aufführungen geebnet hat. J. J.