Filmautoren und Hörspieldichter, die sich von der Anstrengung, eigene Ideen hervorzubringen, einmal erholen wollen, werden noch lange eine unerschöpfliche Quelle in der überreichen Hinterlassenschaft der großen russischen Erzähler finden. Schön wäre es dabei, wenn der Eindruck eines solchen Literaturerlebnisses aus zweiter Hand über den Augenblickseffekt hinaus bewirken könnten, daß die jüngere Generation wieder eine Ahnung davon bekäme, was russische Romankunst und Novellistik einmal war: nicht auszuloten mit dem einen Namen Dostojewskij oder allenfalls noch Tolstoj und Tschechow, die vielmehr lediglich ein paar Gipfel in einem gewaltigen dichterischen Gebirgsmassiv darstellen.

Einen glücklichen Griff in diese geräumige Vorratskiste tat Josef Martin Bauer mit seinem Hörspiel „Der Schneesturm“ nach der Erzählung von Alexander Puschkin (im Bayerischen Rundfunk). Hier fand er alles, was man braucht, um die Phantasiebilder, die das gedruckte Wort im Leser hervorruft, in hörbare Imaginationen umzuwandeln. Klangliche Illusionsmittel, zugleich Wirklichkeiten des Geschehens und wirksame Anreger des Mitschwingens, zugleich obendrein suggestionsstarke Milieufarben, bot der Stoff genug: das Heulen des Sturms in der Steppe, das Schellenläuten der Schlittenfahrt, das Orgelspiel in der nächtlichen Dorfkirche und der Klavierimprovisationen des betrogenen Mädchens, übrigens alles mit behutsamer Hand im Rahmen des Notwendigsten gehalten, so daß es – Walter Ohms Regie sei Dank! – nirgends zu einer kitschigen Ausschweifung kam.

Das Atmosphärische, in dieser Novelle vom Realistischen und Psychologischen gar nicht zu trennen, konnte in seiner Dichte den Hörer hinreichend für die Handlung einstimmen, um ihn auch an der Klippe vorbeizuführen, als die sich möglicherweise die entscheidungsvolle Szene der heimlichen Trauung dem Mitteleuropäer ergeben möchte; man muß sich nämlich das Grauen einer solchen Sturmnacht, die Düsternis eines von nur zwei Kerzen erhellten Kirchleins, die schneefeste Vermummung, die Aufregung und Hast der Beteiligten vorstellen können, um daran zu glauben, daß der halb ohnmächtigen Braut in der Verwirrung anstatt des in die Irre gefahrenen Bräutigams ein zufällig eintreffender Fremder angetraut, wird, der aus echt russischem Zynismus die Rolle dessen annimmt, für den er gehalten wird. Als gleich darauf die Entdeckung erfolgt, ist es zu spät: die kirchliche Verbindung ist unlösbar. Das ist der dramatische Angelpunkt der Geschichte, für deren Darstellung selbst in den Nebenrollen sc hervorragende Schauspieler wie Ernst Ginsberg, Friedrich Domin, Eva Vaitl „und Ernst Schlott eingesetzt waren. Walter Abendroth

Wir hoffen, Sie hatten einen guten Empfang“, sagt die Dame auf dem Bildschirm, und sie macht dabei ein herziges, liebes Gesicht. Aber dann...? Sie wird doch nicht etwa... Herzstiche? Nein, sie hat sich sicherlich auf den Nerv gebissen, oder sie hat den Faden verloren, weiß nicht mehr, wie das nächste Wort heißt. Das Lächeln ist zum starren Grinsen geworden, Bruchteile von Sekunden werden zu Ewigkeiten der Pein für sie – aber nicht nur für sie. Die Dame, das merkt man bald, ist gar nicht steckengeblieben, hat keine Herzstiche und auch keinen kranken Zahn. Man hat sie nur zu spät ausgeblendet – wenn das das richtige Wort ist –, eine Sekunde zu spät. Aber was ist eine Sekunde, wenn man nichts mehr zu sagen hat?

Nicht nur der Ansagerin geht es so; auch dem ehrwürdigen Herrn, der einige besinnliche Worte zum Sonntag gesagt hat, bleibt nichts anderes übrig, als uns plötzlich nur noch gütig anzustieren. Und so geht es so vielen anderen, die sich dazu verdammt haben, das Programm der Fernsehsender um eine Sekunde zu lange, um die tote Sekunde zu bereichern. Kann man ihnen das nicht, ersparen – ihnen und uns?

Aber: Daß sie sich verkrampfen, daß sie befangen und wenig glücklich wirken, das ist ein verzeihlicher menschlicher Zug, in gewisser Weise sogar sympathisch. Richtig schlimm wird es erst, wenn die Trägheit der Technik ernstere, chärakterliche Mängel unserer Zeitgenossen zufällig enthüllt. Mag sein, sie haben etwas zu sagen, mag sein, sie sagen es gut, intensiv, liebenswürdig verbindlich, womöglich sogar charmant. Nichts bleibt davon wenn sie auch nur eine Sekunde zu lange im Bild bleiben. Schaudernd sehen wir auf dem Bildschirm, wie plötzlich aller Charme, alle bemühte Zuneigung zum „Gesprächspartner“ vor dem Gerät aus den Zügen dieser Menschen weicht und leerer, kalter Gleichgültigkeit Platz macht. Wir fühlen uns genarrt. Wir erkennen, daß wir nie gemeint waren, daß wir für diesen Menschen vor der Kamera gar nicht mehr existieren in dem Augenblick, in dem er das gesagt hat, was ihm bezahlt wird. Ja, wir glauben beinahe, daß wir einem gewerbsmäßigen Hochstapler in zwischenmenschlichen Kontakten aufgesessen sind.

Wie der Film, so ist auch das Fernsehen Illusion, eine Illusion aber, die vollkommener sein müßte, wenn sie ihr Geld wert sein soll. Dazu gehört, daß man den Anblick jener Damen und Herren, für die wir „die Majestät, der Zuschauer“ sind, von uns nimmt, bevor sie zeigen, wie wenig sie sich in Wahrheit aus uns machen und daß wir für sie einfach nicht mehr vorhanden sind. Sollte es wirklich technisch nicht möglich sein, mit dem letzten Wort das Bild seines Sprechers auszublenden? – Oft gelingt es doch schon.

Jürgen C. Petersen