Ein „Ärgernis“, so nannte der Rheinische Merkur, das Blatt der westdeutschen Katholiken, die Tatsache, daß Papst Johannes XXIII. dem ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen die Würde eines „Weltlichen Geheimkämmerers“ wiedergewährt hat, die dem deutschen Politiker von Pius XI. verliehen worden war. Mehr noch: Von einer „kapitalen Fehlentscheidung“ sprach der Rheinische Merkur, von einem „Schlag ins Gesicht jener aufrechten und opferbereiten deutschen Katholiken, die 1933 die Absetzung, die Entehrung, die Armut, die Gefangenschaft, ja, den Tod einem Dienst in dem verbrecherischen Regime, zumal an prominenter Stelle, vorgezogen haben“. Dieser Mann, so schrieb der Merkur, habe dem Tyrannen den Weg zur Macht erleichtert, und es gehe nicht an, den „Fall Papen“ mit dem „Mantel des Vergessens“ bedeckt zu halten. – Angesichts solcher Worte muß man wahrlich von freiem Mut gegenüber höchstem Throne sprechen.

Wenn ein neuer Papst gewählt ist, wird das Feld frei für neue Entscheidungen. Der vorige, der „deutsche“ Papst Pius XII., der lange Zeit päpstlicher Nuntius in Berlin gewesen war, kannte die Verhältnisse in unserem Lande. Er hat Papens Kämmerer-Würde, die sein Vorgänger auf Petra Stuhl 1923 dem damaligen Zentrumsabgeordneten verliehen hatte, nicht erneuert. Johannes XXIII. kennt die deutschen Verhältnisse nicht. Er war der Vertreter des Vatikans in Frankreich, so daß man ihn einen „französischen“ Papst nennt, und er wirkte auf dem Balkan. In Istanbul ist er als Apostolischer Delegierter dem Botschafter Papen begegnet, der zwar Hitlers Reich repräsentierte, im übrigen aber die Nähe des vatikanischen Vertreters suchte und auf diesen wohl den Eindruck eines aufrechten Mannes machte.

In Deutschland hat damals mancher, der kein Nazi der ersten Stunde war, gemeint, gar so schlecht könne das System nicht sein, da ein Katholik, ein päpstlicher Kämmerer, es unterstützte. Aber kein deutscher Katholik wäre darauf gekommen, daß so viele Jahre nachher jener Jubelruf, der eine Papstwahl beendet, „Habemus Papaul“, in Deutschland eine kleinlaute Feststellung im Gefolge haben würde: Habemus Papen...

Was nun? Es ist nicht Sitte, den Papst zum Widerruf einer Maßnahme zu überreden, die ihm vielleicht nur abgelistet wurde. Daß die deutschen Katholiken wissen, was sie davon zu halten haben, genügt. Der Rheinische Merkur hat es ausgesprochen in dem Satz, der Fall gebe Anlaß zu nüchterner Prüfung der Frage, inwieweit das höfische Wesen um den Papst mit seinen unvermeidlichen, zum Teil skurrilen Ämtern und Titeln, Gepflogenheiten und Umständlichkeiten, Coterien und Indiskretionen überhaupt noch dem heutigen Selbstverständnis der katholischen Kirche entspräche...

J. M.-M.