Mitten in die mit Spannung erwartete Notierung des Bezugsrechtes für die jungen BASF-Aktien platzte eine Pressekonferenz der Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning Frankfurt/Main, hinein, deren Ergebnis in in- und ausländischen Börsenkreisen überaus günstig aufgenommen wurde. Es kam am vergangenen Wochenende zu einem Run auf die Aktien der IG-Farben-Nachfolger, der an die heißen Sommerwochen dieses Jahres erinnerte. Wenn die BASF für ihre Kapitalerhöhung überhaupt eine Schützenhilfe brauchte, Prof. Karl Winnacker (Vorstandsvorsitzender bei Hoechst) hat sie geliefert. Seine Erklärungen über den bisherigen Verlauf dieses Geschäftsjahres haben die Börsenhoffnungen auf eine Einheitsdividende von 15 v. H. bei BASF, Bayer und Hoechst untermauert.

Worauf begründet sich dieser Optimismus? Die Umsätze sind mit einer Zuwachsrate von 15 v. H. weit stärker gestiegen als die der Industrie im allgemeinen mit 6 1/2 v. H. Hoechst liegt auch mit seiner Zuwachsrate erheblich über dem Durchschnitt der chemischen Industrie, wo sie 11 v. H. beträgt. Die Stellung in der Spitzengruppe hat Hoechst vor allem den neuen Arbeitsgebieten Kunststoffe und synthetische Fasern zu verdanken. Aber auch die alten Arbeitsbereiche, so vor allem Farben, haben sich günstig entwickelt. Der Auslandsumsatz ist stärker gestiegen als der des Inlandes. Weniger günstig als die Umsätze entwickelten sich die Preise. Sie sind seit Jahren ständig rückläufig. Das ist die Folge einer scharfen Konkurrenz, vor allem auch durch die ausländische Chemie. Insbesondere sind es die USA, die ein wachsendes Interesse am europäischen Markt zeigen. Seit einiger Zeit beginnen amerikanische Chemieunternehmen über den Erwerb von Beteiligungen und durch Schaffung von Produktionsstätten in Europa Fuß zu fassen. Obwohl in Hoechst die Produktion vielfach an Kapazitätsgrenzen gestoßen ist, und nicht alle Kundenwünsche erfüllt werden konnten, gingen die Preise auch für Hoechster Produkte zurück. Die entsprechenden Einbußen betragen in diesem Jahr ca. 50 bis 60 Mill. DM. Hinzu kommen steigende Löhne und wachsende Kosten. Durch Modernisierung und Umsatzsteigerung ließ sich jedoch ein Ausgleich erreichen. Das aber bedeutet Investitionen.

Wichtige Anlagen sind inzwischen angelaufen. So die Hochtemperatur-Pyrolyse zur Herstellung von Acetylen. Ein weiterer Abschnitt zur Sicherstellung der Rohstoffversorgung in den überaus wichtigen Fertigungszweigen, Kunststoff- und Lösungsmittel! Neue Anlagen dienen auch der Herstellung von Acetaldehyd mit Äthylen. Durch eine Verbesserung der Stromversorgung im Werke Knapsack wurde die Phosphorherstellung verbessert. Phosphorprodukte aber stellen eine bedeutsames Vorprodukt für die neuen Waschmittel dar, die heute in zunehmendem Umfange, vor allem als Folge der Waschmaschinen und Waschautomaten, von der Bevölkerung gekauft werden.

Die bisherigen Rationalisierungsmaßnahmen hatten eine günstige Entwicklung des Pro-Kopf-Umsatzes. im Gefolge. Er beträgt heute etwa 49 000 DM, vor 1 1/2 Jahren waren es noch 43 000 DM. Die Produktion ist aber weit kapitalintensiver geworden. Insgesamt wurden in diesem Jahre 245 Mill. DM investiert. 1960 werden es 300 Mill. DM sein. Die entsprechenden Mittel werden durch Abschreibungen und durch die in diesem Jahre vorgenommene Kapitalerhöhung bereitgestellt. Die Liquidität der Farbwerke Hoechst ist so günstig, daß im nächsten Jahre dem Unternehmen keine neuen Mittel zugeführt werden müssen. Die vorgesehenen Auslandsinvestitionen werden zusätzlich 30 Mill. beanspruchen.

W. R.