Von Carl Weiß

Wie die Transportleiter von Hindustan Stell und die Leute von Krupp und Demag es fertiggebracht haben, 325 000 Tonnen Baumaterial über eine eingleisige Bahnstrecke von Kalkutta hinauf nach Rourkela zu bringen, ist unbegreiflich. Seit kurzem ist ein zweiter Schienenstrang fertig, doch jetzt liegen und schwimmen vor Kalkutta nur noch einige tausend Tonnen Rohre, Träger und Maschinenteile herum – eine Kleinigkeit. Der deutsche Exgeneral, den die Demag geheuert hatte, weil ihm vom Rußlandkrieg her ein großer Ruf als Heeresgruppen-Rangiermeister eignete, hat sich schon lange zur Abwicklung nach New Delhi zurückgezogen. Das deutsche Stahlwerk im indischen Bundesstaat Orissa, 10 000 Kilometer von Rhein und Ruhr entfernt, steht zu 60 Prozent, im großen ganzen termingerecht, und speit bereits als Vor- und Nebenleistung Roheisen, Koks, Gas und Kraftstrom aus.

Wir fuhren die 400 Kilometer von Kalkutta landeinwärts im klimatisierten Schlafwagenabteil, durch ebene, ausgedörrte Felder und lockeren Dschungel. Es dauerte zwölf Stunden. Am Ziel, einer dürftigen Wellblechstation, stolperten wir aus der Waggontür in 44 Grad Hitze in eine schreiende, halbnackte Menge hinein, die unser Gepäck an sich riß und mit fingerlosen Handstümpfen, aus fliegenverklebten Augen um Bakschisch flehte, bis uns der Sprung in ein Taxi gelang.

Vor sechs Jahren waren die ersten aus Essen im Flugzeug gekommen. Sie blickten von oben herab auf zwei parallele Hügelketten, eine baumlose Talmulde und einen Lehmhüttenhaufen, der sich Rourkela nannte. Sie erwogen Boden und Klima, die Entfernung zum nächsten Eisenerzlager, einem der reichsten der Welt, zum nahen Fluß und zum unweiten Kohlenrevier, und unterbreiteten ihre Vermessungen – ihre Vermessenheit! – der indischen Regierung, Man beschloß, in deutsch-indischer Gemeinschaft an die Stelle des Dorfes Rourkela, dessen monatlicher Handelsumsatz etwa 700 Mark betrug, für runde zwei Milliarden ein Werk und eine Stadt zu setzen. 1955 rückten die Kolonnen an.

Indiens Stahlproduktion, die bisher etwas über eine Million Tonnen betrug, soll bis 1961, dem Ende des zweiten Fünfjahresplans, vervierfacht werden. Im Osten des Halbkontinents entstehen als Staatsbesitz drei Werke, deren jedes ungefähr eine Million Tonnen Stahl herstellen wird: Bhilai, ausschließlich mit sowjetischer Hilfe gebaut, übernimmt die Herstellung von Eisenbahn- und Baumaterial; Durgapur, eine britische Domäne, wird mittlere und leichte Elemente, Räder und Achsen machen; Rourkela, eine Gemeinschaftsleistung von Krupp, Demag, der Vereinigten österreichischen Stahlwerke und etwa 30 deutscher Firmen, konzentriert sich auf die Produktion von Blechen.

Rourkela hat eine Kokerei, drei Hochöfen mit je 1000 Tonnen. Tagesleistung, ein Walzwerk, ein Dampfkraftwerk für 75 000 Kilowatt, eine Düngemittelfabrik zur Verwertung des anfallenden Nitrogens und als Herz des Ganzen eben das Stahlwerk. Dieser Komplex ist auf fünf Quadratkilometern zusammengefaßt. Die Werke sind miteinander verzahnt und für den rationellen Fluß der Rohstoffe und Zwischenprodukte sinnvoll angeordnet. Man hatte Platz, man konnte großzügig planen.

Wir schütteln in unserer Bahnhofstaxe noch durch die Urlandschaft, durch das Nest Rourkela, im Slalom an Kühen, Ziegen und Karren vorbei. Zwanzigtausend Menschen, sagt einer, der sie gezählt haben will, seien in den letzten Jahren nach hier zugezogen. Sie säumen die Straße, quellen aus den Bruchbuden rechts und links, bieten Tand und stinkende Nahrungsmittel feil, lagern in Staub und Kot, schlafen oder leiden bis zur Wiedergeburt. Das ist Alt-Rourkela, eine von 500 000 indischen Gemeinden, noch unbeschenkt von der Zukunft, ein bißchen bunter vielleicht als ihre unbekannten dörflichen Schwestern, weil der große Güterstrom zum Stahlwerk hier. ein paar Kanister und Klamotten abgeladen hat, und ein bißchen hektischer vielleicht, weil das Neue, das hier entsteht, die Menschen unruhig macht. Man fährt hindurch und vorbei, sieht es und möchte es nicht riechen müssen, zupft sich das nasse Hemd von der Haut und spürt dabei, daß das Herz schon ganz hart geworden ist, weil es sich ständig aus Mitleid verkrampft.