Bei Herzögen zu Besuch – John Robert Russell und der „Geist der Zeit“–Marilyn Monroe im Bett der Königin

Von Robert Lucas

Oxford, im November

Wie es dazu kam, daß Herzöge und Grafen jedermann zu Gast laden? Nichts ist einfacher zu erklären. Frankreich hatte die Guillotine, um mit den Privilegien der Aristokratie fertig zu werden; England hat die Erbschaftsteuer.

Betrachten wir zum Beispiel den Fall Nelson. Lord Nelson, Sieger der Seeschlachten vom Nil und von Trafalgar, starb im Augenblick seines höchsten Triumphes, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Das britische Parlament, „begierig; der Dankbarkeit der Nation Ausdruck zu verleihen“, beschloß, seinen Bruder William Nelson in den Grafenstand zu erheben, ihm die Mittel zum Ankauf eines Herrensitzes zur Verfügung zu stellen und allen künftigen Trägern des Adelstitels auf unbegrenzte Zeit eine steuerfreie Jahresrente von 5000 Pfund zu verleihen.

Das geschah im Jahre 1805. Die „unbegrenzte Zeit“ fand 1947 ihr Ende, als das Parlament auf Antrag der Labour-Regierung die Jahresrente als „dem Geist der Zeit widersprechend“ abschaffte. Im folgenden Jahr verkaufte der fünfte Earl Nelson das Schloß für 200 000 Pfund. Als er 1951 starb, blieben von seinem Vermögen nach Bezahlung der Erbschaftsteuer 62 000 Pfund übrig. Sechs Jahre später starb der sechste Earl. Das Vermögen schrumpfte nach Zahlung der Erbschaftsteuer auf 25 000 Pfund zusammen. Lady Nelson, die nur ein Viertel dieses Betrages erbte, wohnt jetzt in einer kleinen Wohnung.

Oder nehmen wir den Fall Bedford. Der elfte Herzog von Bedford starb im letzten Krieg, und sein Sohn und Erbe, der zwölfte Herzog, fiel nur wenige Jahre danach einem etwas mysteriösen Jagdunfall zum Opfer. Diese Todesfälle innerhalb kurzer Zeit hatten zur Folge, daß die Finanzbehörden den jungen Erben mit einer kolossalen Steuerforderung beehrten: Der dreizehnte Herzog übernahm eine Steuerschuld von nicht weniger als viereinhalb Millionen Pfund, zusammen mit dem alten Herrensitz Woburn Abbey, dessen Instandhaltung alljährlich ein Vermögen verschlang. Dem Herzog stand es natürlich frei, seine Canalettos und kostbaren Möbel bei Christie oder Sotheby versteigern zu lassen und sein prächtiges Schloß an die staatliche Kohlenbehörde oder eine Margarinefirma als Bürogebäude zu verkaufen (obwohl es nicht leicht ist, so große Objekte an den Mann zu bringen). Aber der Herzog hatte den Ehrgeiz, den Familienbesitz möglichst unversehrt zu erhalten. So stieß er zur Bezahlung der dringendsten Forderungen einen Teil seines Grundbesitzes ab. Für Woburn Abbey aber wählte er einen anderen Weg. Er öffnete das Schloß mit seinem herrlichen Wildpark dem Publikum. Er tut dies mit so viel Erfolg und Gusto, daß die Eintrittsgebühren der Besucher einen größeren Erlös abwerfen, als zur Erhaltung von Woburn Abbey notwendig ist, ganz zu schweigen von den steuerrechtlichen Vorteilen.