Schwarz ist die Kohle, und schwarz – war eigentlich auch immer die Klang-Farbe der Ausführungen auf dem Steinkohlentag, zu dem alljährlich um diese Zeit die oberen Zehntausend des westdeutschen Kohlenbergbaus in die Ruhrmetropole nach Essen kommen. Seit Jahren ist auch der Essener Saalbau bei dieser repräsentativen Tagung der Zechenunternehmen die Klagemauer der „schwarzen Zunft“, die diese Möglichkeit, einmal im Jahr öffentlich zu jammern – ob mit oder ohne Krise –, auch stets genutzt hat; Dabei richteten sich die – manchmal sogar begründeten – Klagen der vergangenen Jahre, dem jeweiligen Trend der Konjunktur entsprechend, an diverse nationale und supranationale Instanzen. Nur eine Adresse kam meistens zu kurz, nämlich die eigene.

Mit dieser Tradition hatte schon der Steinkohlentag 1958 gebrochen. Erfreulicherweise folgte auch die, diesjährige Veranstaltung den Spuren des Vorjahres. Der Vorsitzende des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, Dr. h. c. Helmuth Burckhardt, betonte in seiner Essener Rede, daß in erster Linie die eigene Leistung zur Überwindung der bestehenden Schwierigkeiten notwendig sei. „Wir müssen im Bergbau alle Kräfte einsetzen“ – so appellierte Burckhardt an die nahezu vollzählig versammelten Zechendirektoren –, „um der Wirtschaft unsere Kohle unter günstigsten Bedingungen und auf längere Sicht mit den importierten Energieträgern wettbewerbsfähig liefern zu können. Dazu müssen wir alle Anstrengungen machen, um unsere Wettbewerbslage durch Verbilligung unserer Förderung und durch Rationalisierung unseres Vertriebs zu verbessern.“

Daß seit Beginn der Kohlenkrise bereits einige Erfolge erzielt worden sind, konnte bei dieser Gelegenheit registriert werden. Die Mechanisierung des Untertagebetriebes hat sei Anfang 1958 erfreuliche Fortschritte gemacht; die Zusammenfassung von Bergbaubetrieben zu größeren Einheiten kann, durch eindrucksvolle Zahlen belegt werden. Die bisher erreichten Fortschritte in der Rationalisierung finden ihren Ausdruck in einer Steigerung der Schichtleistung auf 1949 kg – um nicht weniger als 19 v. H. seit Beginn der Krise (wobei allerdings auch die seit dem Frühjahr um eine halbe Stunde verlängerte Schichtzeit eine Rolle spielt).

Bisher hat der Ruhrbergbau, wie Burckhardt bekanntgab, durch die Konzentration der Förderung auf die besser: ren Teile der Lagerstätten etwa 1 Mrd. t Kohlensubstanz „geopfert“. „Die stets beachtete Verpflichtung, die uns anvertrauten Lagerstätten so vollständig wie möglich abzubauen und auszunutzen, müssen wir heute zurückstellen“, hieß es dazu, in bemerkenswertem Gegensatz zu früheren Jahren. „Wir kommen daher im Zuge der Rationalisierung auch zu Stillegungen von Zechen oder Zechenteilen, deren Förderung dauernd unwirtschaftlich ist.“ Solche Entschlüsse liegen zwar im ureigensten Bereich der einzelnen Unternehmen, aber es seien „an zahlreichen Stellen schwerwiegende Überlegungen im Gange, und entscheidende Beschlüsse“ stünden in Kürze bevor.

Nach den auf dem Steinkohlentag gemachten Angaben rechnet der Unternehmensverband Ruhrbergbau mit einer stillzulegenden Kapazität von 6 bis 10 Mill. Tonnen Jahresförderung. Wann mit einem solchen Förderausfall gerechnet werden kann, wurde nicht gesagt, Der durch die Einführung der Fünftagewoche bereits erzielte Förderrückgang wurde mit 4 bis 5 Mill. t angegeben. Mit dieser Einschränkung paßt sich der Ruhrbergbau nach Burckhardts Meinung besser den verringerten Absatzmöglichkeiten der Steinkohle an als die meisten anderen Kohlenreviere der Montan-Union.

ob die Produktionsanpassung des Ruhrbergbius, die bei einem Vergleich mit den anderen Revieren der Kohle- und Stahlgemeinschaft so gut abschneidet, nun auch dem verringerten Markt bereits gerecht wird, blieb leider unerwähnt. Offenbar aber verspricht sich der Steinkohlenbergbau eine entscheidende Entlastung von der Heizölsteuer. Durch sie werde eine Wettbewerbssituation wiederhergestellt, die dem Bergbau die Durchführung der von ihm geplanten Maßnahmen ermögliche, lautete die sehr optimistische Prognose. Burckhardt bezeichnete das Programm der Bundesregierung als das „Mindestmaß“ dessen, was notwendig sei. In der gegenwärtigen Situation am westdeutschen Energiemarkt könnten nur staatliche Maßnahmen verhindern, „daß auf Grund einer vorübergehend gegebenen Wirtschaftskon-, stellation gerade in der lebensnotwendigen Energieversorgung langfristige und irreversible Entscheidungen herbeigeführt werden“.

Auf dem diesjährigen Steinkohlentag wurde trotz der allmählichen Entmythologisierung der Kohle erneut deutlich, wie schwer es dem Bergbau auch heute noch fällt, sich an den Gedanken verringerter Kapazitäten zu gewöhnen. Aber: „Kohlenbergbau ist kein Selbstzweck“, sagte der Zechenverbandsvorsitzende, Bergassessor Burckhardt. Ingrid Neumann