Von Martin Beheim-Schwarzbach

Es tut immer wieder gut, inmitten der erzählenden Literatur, in der neuerdings eine immer verwirrendere Berichtstechnik Mode wird, auf Tatsachenberichte zu stoßen, die sich an wirklich geschehene Fakten halten und klar und deutlich mit allen Einzelheiten dienen. Wenn ein solcher Bericht die Geschichte einer schrecklichen Katastrophe bringt, die viele zerstörte Menschenleben und Menschenschicksale bedeutet, so darf es gewiß mit unserem „Genuß“ daran nicht weit her sein, wohl aber mit unserer Erschütterung. Über Moritaten schaudern und lachen wir gleichzeitig, gern und herzlich; aber es gibt Moritaten der Naturgewalten, die uns anders anrühren. Wie eine ungeheure Moritat Gottes, ähnlich einem Erdbeben oder einem Schiffsuntergang, mutet die Lawinenkatastrophe an, die geschildert wird von

Joseph Wechsberg: „Blons, die Geschichte einer Katastrophe“; Wolf gang Krüger Verlag, Hamburg; 292 S., 14,80 DM.

Das Dörfchen Blons im Vorarlberg wurde von zwei Riesenlawinen, die im Januar 1954 ins Walsertal niedergingen, fast völlig vernichtet. Diese Tragödie übertrifft alles, was seit langem in den lawinenreichen Alpentälern geschah.

Der Verfasser beschreibt als Reporter die Geschichte der Einwohner von Blons vor, während und nach dem Unglück und schildert zugleich alles, was über Lawinen wissens- und staunenswert und bei ihrem Niedergehen möglich ist. Dieses Epos enthält alle menschlichen Schicksale, die Furcht und den Leichtsinn, die Lebensgier, die Hilfsbereitschaft, das Martyrium und das Sterben.

Es sind einfache, bitterarme Leute, von denen der Bericht handelt – jene armen und einfachen Leute, bei denen uns die Theologie das ungelöste Rätsel aufgibt, warum sie so viel grausamer und zahlreicher hingemäht werden; als die Halunken, die sich den Titel der Erfolgsmenschen erwerben und in hohem Alter ärztlich wohlbetreut schmerzlos und friedevoll dahinscheiden.

Der, Reporter Joseph, Wechsberg, der das Buch übrigens, englisch schrieb und zunächst in den USA, unter dem Titel „Avalanche“, erscheinen ließ, hat an Ort und Stelle alles, was mit dieser Katastrophe zusammenhing, gesammelt. Sein Berichtsfluß ist der einer guten, nicht auf Knalleffekte bedachten, aber doch den Effekt nicht umgehenden Reportage, die kein Detail, kein das Ganze vervollständigendes sachliches Faktum schuldig bleibt.