Das Verhältnis zwischen Mann und Frau sei unproblematisch geworden, sagte Friedrich Sieburg; die Liebe brauche Distanz, und die fehle in den Beziehungen der Geschlechter seit der Emanzipation der Frau. Also keine Liebesgeschichten mehr.

Und doch ist ‚Liebe‘ einer der begehrtesten Luxusartikel unserer Zeit. Die Filmindustrie lebt davon. Liebesgeschichten sind in die Boulevardliteratur abgesunken. Eine neue Problematik mußte gefunden, oder – geschaffen werden. Vadim erfand B. B., Françoise Sagan Cécile, Nabokov Lolita. Keine Neuerfindung, die unserer müden Verwöhntheit ein neuer Anreiz zur Leidenschaft wäre, dürfen wir etwarten von

„Liebesgeschichten der slawischen Völker“, herausgegeben von Gerda Hagenau; Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg; 592 S., 19,80 DM.

Es bleibt, wenn nicht mehr bleibt, noch immer unsere Neugier auf die Leidenschaften anderer Zeiten und Völker. Wie liebt man auf slawisch?

29 bei uns zum großen Teil unbekannte Autoren geben uns 29 Antworten. Wer sich außer für Liebe auch noch für bemerkenswerte literarische Erscheinungen interessiert, kommt auf seine Kosten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde ja alle erreichbare Literatur des Westens ins Deutsche übersetzt, die des Ostens aber blieb so gut wie unbekannt. Gewiß, wir haben außer den russischen Klassikern auch Gorki, Scholochow, Ehrenburg, Dudinzew und Pasternak lesen können; aber mußte nicht bei uns der Eindruck entstehen, daß die anderen slawischen Völker geradezu verstummt sind?

Man wird sich gern eines besseren und gleichzeitig über slawische Liebe belehren lassen: Die polnische Tagelöhnerin Lucja (Marja Dabrowska: „Lucja aus Pokucice“) liebt bald mit sinnlicher Leidenschaft, bald mit demütiger Anhänglichkeit. Weder Ermahnungen noch Schläge können sie davon überzeugen, „daß nicht süß ist, was süß ist. Daß man sich an etwas anderem ebenso freuen kann.“ Und es ist die einzige Freude, die sie sich leisten kann.

Wir erleben Liebe auf bunten und heißen Volksfesten der Ukraine und Liebe im Märchen mit Mädchen, die Wassilissa der Wunderschönen nicht nachstehen.