Von Werner Ross

Nur in Frankreich ist „Literatur“ mehr als ein Sammel-Abstraktum für Bücher – nämlich eine öffentliche Institution wie die Polizei und das Vergnügungsgewerbe, mit Preisen und Zeitungen, mit Avancements und Skandalen, mit Haussen wie bei der Börse und Moden wie bei der Haute Couture. Der Dichter sitzt nicht einsam in der Klause, sondern marschiert als Avantgardist vor dem Regiment der Kommenden in die Zukunft; der jeweilig letzte Schrei wird durch den nächsten zum vorletzten degradiert. Das System hält den Geist lebendig, regt die Erfindungskraft an und gibt auch der Extravaganz eine Farbe im Spektrum der Kultur.

So seit eh und je. Neu ist, daß in dieser behenden Dialektik des gallischen Geistes heute Schwerflüssigkeit und Grundsätzlichkeit Trumpf sind. Seit Heidegger in Frankreich hoffähig geworden ist, herrscht in weiten Bezirken bleierner Ernst. Mit seinem letzten Stück hat Sartre selbst Claudels „Seidenen Schuh“ an Länge – überboten. Frankreich hält sich die deutsche Maske vor. Vielleicht darf man auch den Versuch einer Erneuerung des Romans dieser jähen Tendenz zur Pedanterie einordnen, diesem letzten „dernier cri“, der nach soviel geistvollen Scharmützeln, nach soviel blitzendem Florett das Panier der Langeweile grau entfaltet hat –

Alain Robbe-Grillet: „Der Augenzeuge“, deutsch von Elmar Tophoven; Carl Hanser Verlag, München; 263 S., 14,80 DM;

Alain Robbe-Grillet: „Die Jalousie oder die Eifersucht“, deutsch von Elmar Tophoven; Carl Hanser Verlag, München; 174 S., 9,80 DM.

Worum handelt es sich in Robbe-Grillets Romanen und Manifesten? Kurz gesagt: Um die These, daß bisher im Roman dem Menschen viel zuviel Platz eingeräumt worden sei, während man die Dinge als Mitspieler geflissentlich übersehen habe; um den Versuch also, exemplarische Ding-Romane zu schreiben, in denen es keine Helden gibt, sondern nur Objekte, wobei ein Tausendfüßler oder eine Bananenstaude, eine Möwe auf einem Pfahl oder ein Stück Bindfaden auf dem Boden gleiche Rechte beanspruchen können wie der Reisende in Uhren und das Fischermädchen oder der Plantagenbesitzer und seine Frau, die gewissermaßen „auch“ darin vorkommen. Kühn genug, wie man sieht, ein Experiment fürwahr, ein Avantgarde-Kunststück durchaus, das die Abschaffung des Sedenlebens, wie Hemingway sie praktiziert, mit der äußersten Systematik weitertreibt.

Damit man sehe, wie’s gemeint ist, folgt hier ein kleiner Abschnitt aus dem Anfang des Romans „Der Augenzeuge“, obwohl beim neuen Typ des „Langweilers“ kleine Abschnitte nur sehr unzueichend das Prinzip verdeutlichen können.