hst., Köln

Der Arzt sagte: „Sie müssen mal über die Verschleppungvon Wiedergutmachungs-Fällen schreiben. Unbedingt! Ich könnte Ihnen da Dinge erzählen ...“ Ich sagte: „Sofort werde ich schreiben ...“ Ich rief die Redaktion an. „Klar – sofort schreiben“, hieß es dort. „Klare Fakten bitte. Und natürlich müssen Sie die andere Seite hören – weshalb die das verschleppen und so ...“

Ich rief den Arzt an. Der sagte: „Also wissen Sie, diese Sachen schreien wirklich zum Himmel. Ich habe da eine Jüdin – dreißig Jahre alt. Die hat damals fünf Jahre in einem Keller gelebt, weil sie nicht nach Auschwitz wollte. Die ist ruiniert für ihr ganzes Leben: Tuberkulose! Eindeutig aus der Kellerzeit! Aber es geschieht nichts, gar nichts. Jahrelang schon. Und da ist ein Mann, der hat vor Dreiunddreißig für die Sozis Beiträge kassiert. Fünf Jahre KZ! Der kommt auch nicht mehr richtig hoch ...“

„Schön“, sage ich, „solche Fälle sind die richtigen. Jetzt müßte ich mit den Leuten reden. Das muß ja alles sehr exakt sein ...“

Einen Augenblick hörte ich nichts. Ich rief: „Hallo“. Da sagte der Arzt: „Ja – wissen Sie: Da muß ich erst einmal mit den Patienten reden. Sie kennen das ja: Ärztliche Schweigepflicht und so ...“ – „Klar“, sagte ich, „wann darf ich wieder anrufen?“ In einer Woche durfte ich wieder anrufen.

„Es steht schlecht“, sagte der Arzt nach einer Woche. „Die Leute wollen nicht. Niemand will. Ich habe eine ganze Reihe gefragt. Da ist nichts zu machen. Die sind so verschüchtert und haben schon so viel Ärger gehabt mit den Dienststellen. Die haben alle gesagt: „Wenn das rauskommt, das ich was gesagt habe, dann kriege ich mein Geld nie.“ Ich sagte: „Ohne klare Fakten kann ich aber nichts schreiben. Und schließlich muß sich die Gegenseite auch äußern können. Ich nenne keine Namen ...“

„Nichts zu machen“, sagte der Arzt noch einmal.