London,Anfang November

Wenn in London die Straßen glitschig von Regen und Herbstblättern sind und eine Königliche Hoheit offiziell eine Filmpremiere besucht, hat die Filmsaison begonnen. In den letzten Jahren hat sich ein steifes Protokoll in der anglo-amerikanischen Filmindustrie entwickelt, wogegen spanisches Hofzeremoniell eine heitere Angelegenheit war. So wurde vorige Woche im Beisein von Prinzessin Margret der Columbia-Film „They Came To Cordura“ in festlicher Premiere vorgeführt. Nach dem riesigen Polizeiaufgebot zu schließen, welches das Odeon Theatre im Londoner Westen umzingelte, hätte man meinen können, daß sämtliche Kommunistenführer im Theater wären und vor Attentaten geschützt werden müßten. Dabei war es nur die kleine Prinzessin, die sich den Film ansehen mußte, ob sie wollte oder nicht.

Schon monatelang vorher wird nämlich hinter den streng verschlossenen Türen der Filmindustrie verhandelt und manövriert, um zu entscheiden, welcher Film die Ehre hat, in diesem Jahre den Reigen zu eröffnen und von höchsten Augen gesehen zu werden. Nun hat sich langsam herauskristallisiert, daß es mal ein englischer Film sein soll und mal ein amerikanischer. Die Amerikaner sind darauf besonders erpicht.

Diesmal also gewann die Columbia mit ihrem Film „They Came To Cordura“, der in Mexiko um 1916 spielt, als gerade mal wieder eine Revolution ist. Der Film hat alle Vorzüge amerikanischer Filmtechnik, und der Drehbuchautor kennt die dramatischen Gesetze. Die US-Kavallerie muß eine Attacke auf den mexikanischen Banditen Pancho Villa reiten, und das Ganze ist ein Wildwestfilm in neuem Rahmen und anderen Kostümen.

Aber da ist ein Herr Major ( Gary Cooper), der den bedauerlichen Nachteil hat, feige zu sein. Die Situation ergibt, daß der Major einen kleinen Reitertrupp durch fürchterliche Schwierigkeiten zu führen hat. Die mutigen Kavalleristen entwickeln sich im Laufe des Films zu Verrätern, Sadisten, Mördern und – sei’s geklagt – zu Vergewaltigern. Sicherlich war der Major im Zivilberuf Psychoanalytiker, denn er befragt dauernd seine Leute über die tieferen Gründe ihrer Courage und schreibt die Antworten fein säuberlich in sein Militärnotizbuch. Auch er möchte ein mutiger Mann werden, und Rita Hayworth, die in dem Film spielt, versucht ihm dabei zu helfen. Am Ende des Films zeigt es sich deutlich, daß eigentlich nur der Major Mut zum Mut hat.

Die mexikanischen Landschaften sind zauberhaft schön und der mexikanische Touristenverband kann sich ob der guten Propaganda freuen. Ich möchte nur wissen, was sich die schöne Prinzessin gedacht hat über die Disziplin in der amerikanischen Kavallerie, denn im Nebenberuf ist sie Ehrenkommandeur eines englischen Regiments.

„Solomon and Sheba“ starteten ebenfalls im Londoner Westend. Da nach dem Tode Cecil de Milles keine Bibelfilme gedreht wurden, freut man sich, daß der Produzent Edwar Small nun die Bibel entdeckte. Es ist ja wahr, in der Bibel stehen die schönsten Geschichten ohne Copyright. Man kann sich auch nichts Besseres wünschen, als die Kombination von Yul Brynner und der Lollobrigida in den Titelrollen. King Vidor, der alte Routinier in Massenszenen, führte Regie. Zwar ist der Film nicht so monsterhaft angelegt wie die „Zehn Gebote“, doch ist der Palast König Salomos immerhin größer als das Pressehaus in Hamburg. Leider nur hat der König nicht Zeit, so weise zu sein, wie es überliefert ist, da er sich im Film ausgiebig mit seinen 700 Frauen beschäftigen muß. Da geht es zu wie bei einem modernen Kassenarzt – die Nächste bitte!