Erzählung von Milo Dor

Diese Erzählung des gebürtigen Jugoslawen und jetzigen Österreichers Milo Dor, deren zweiten Teil wir hier abdrucken, fand bei der diesjährigen Tagung der Gruppe 47 viel Beifall und manchen Widerspruch. Was uns daran beeindruckt hat, war das Engagement in der politischen Realität, das der Autor plötzlich auf sich nimmt, nachdem er lange Zeit so getan hat, als bastele er eine Geschichte nur um ihrer surrealistischen Effekte willen. Der Ich-Erzähler hatte im ersten Teil eines der Form nach autobiographischen Berichts mit kafkaeskem Entsetzen feststellen müssen, daß seine Redaktionskollegen, seine Zimmervermieterin, sogar seine Geliebte ihn nicht mehr zu kennen scheinen. Er fühlte sich – so wird der Titel begründet – wie ein Artist, der einen Salto mortale zu drehen hat und auf einmal das Netz unter sich entschwinden sieht. Bei dieser Erzählung – Angriff gegen eine Literatur, die nur noch um ihrer selber willen existiert – erscheint uns der Sprung aus der Alptraumwelt in die (freilich kaum weniger beklemmende) Wirklichkeit als der eigentliche Salto mortale.

An die Straße und die Hausnummer 33 konnte ich mich noch erinnern. So setzte ich mich in die Straßenbahn und fuhr hin. Die Leute saßen auf zwei langen Bänken, dicht nebeneinander, aber jeder saß doch ganz für sich allein da. Sie schwiegen.

Nur der Schaffner zählte halblaut das Kleingeld, das er herausgab. So wie sie alle dasaßen, in abgetragenen Kleidern und mit blassen Gesichtern, Zeitungen lesend oder besorgt vor sich hinstarrend, gleichgültig und fremd, schienen sie jener Gruppe von Menschen anzugehören, die ein Komplott gegen mich organisiert hatte. Auch das etwas üppige, aber noch junge Frauenzimmer, das, lässig ein Bein über das andere geschlagen, gerade mir gegenübersaß und mich herausfordernd anlächelte, gehörte zu ihnen. Sie war ein Lockvogel, dessen Aufgabe es war, mich auszufragen. Ich entschloß mich zu schweigen, was immer man mich fragen mochte.

Als ich ausstieg und die Straße von Tante Barbara und Onkel Freddie fand, konnte ich sie kaum erkennen. Sie war viel kleiner und schäbiger, als ich sie in Erinnerung hatte. Auf den Balkonen hing Wäsche zum Trocknen, auf dem Gehsteig standen ungeleerte Mistkübel, und die Luft noch nach Moder, Schweiß und billigem Speisefett. Warum war mir das damals nicht aufgefallen?

Während ich auf der linken Seite die Nummer 33 suchte, mußte ich gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfen. So bemerkte ich gar nicht, daß ich an der Nummer 33 vorbeigegangen war, ich war schon bei der Nummer 41 angelangt. Ich ging zurück und stellte zu meiner Verwunderung fest, daß es Nummer 33 überhaupt nicht gab. Auf die Nummer 35 folgte die Nummer 31. Zwischen den Häusern Nummer 31 und Nummer 35 war ein kahler Platz, auf dem nur ein Haufen Gerümpel und ein Autowrack standen.

Im zerbeulten Führerhaus des Lastwagens saß ein etwa zehnjähriger Junge. Er sah mit todernster Miene durch das Loch, in dem einmal eine Glasscheibe gewesen war, drückte auf die Knöpfe des Armaturenbretts, trat auf die Pedale und drehte das Lenkrad hin und her. Als er mich kommen sah, trat er schnell auf das Bremspedal, als wollte er den fahrenden Wagen zum Stehen bringen; seine Bewegung blieb aber auf halbem Wege stecken, und er blickte verlegen auf seine Hände, als schämte er sich seines Spieles. Auch ich war verlegen, weil ich ihn dabei gestört hatte.