Kafka, Mann und Benn als zweifelhafte Vorbilder

Eine Puppe bringt den Stein ins Rollen. Aber bei genauerem Hinsehen ist es doch „keine Puppe, es ist nur...“, ja, eigentlich ist es nicht einmal eine „schöne Kunstfigur“ in dieser Geschichte von der kleinen Rapunzel, die der fünfeinhalbjährigen Ise abhanden kam und die nun durch das gütige Medium des alten Onkels Doktor Trostbriefe an ihr unglückliches Puppenmütterchen sendet:

Die sieben Briefe des Doktor Wambach, geschrieben, herausgegeben und zur abendlichen Lektüre empfohlen von Klaus Nonnemann; Walter Verlag, Olten und Freiburg i.B.; 150 S., 8,80 DM.

Man erschrickt ein wenig, wenn man den Erstling des 37jährigen Autors aufschlägt, einen Hinweis auf eine Kafka-Anekdote findet und überdies aufgefordert wird, hierzu Nummer soundsoviel einer Kulturzeitschrift zu vergleichen. Auch der Rat auf der nächsten Seite, allabendlich jeweils nur einen dieser sieben Briefe, einschließlich der vorausgehenden Begleitumstände, als Bettlektüre zu genießen, damit sich eine „Seelenkonsonanz“ mit der Hauptfigur, dem Doktor, und damit seinem Autor, ergebe – all das scheint durch die Substanz des Kurzromans nicht gerechtfertigt. Wenn man einschlafen will, zieht man doch ein Glas Port vor.

Nicht zu verkennen ist jedoch die gute Absicht Klaus Nonnemanns, durch wechselseitige Spiegelung von Kinderseele und Greisenseele dicht an wirkliche Lebensvorgänge heranzukommen, und ganz am Ende gelingt es ihm beinahe – da wo der Stil sich Erich Kästner nähert. Kästner konnte so etwas erzählen, mit allen unterbewußten Bezüglichkeiten und aller Beziehung zum Tatsächlichen, mit klarem Verstand und warmem Herzen.

Den lebendigen Herzschlag vermißt man aber in Doktor Wambachs Briefen. Man vermißt auch die Liebe und den Humor, die man spüren müßte, wenn von sehr jungen und von sehr alter Menschen erzählt wird. Sie mögen vorhanden sein, aber sie können nirgends durchbrechen durch eine derart gezwängte „Kunstfigur“ von Bildern und Sprache.

Es ist eine geschriebene Sprache, und darum ist es höchste Zeit zum Warnruf: Unsere Schreibenden sollten zuallererst versuchen, die schwere Kunst des Einfachen, das reine Erzählen wieder zu lernen. Dem Autor wäre zu empfehlen, auf seinem „gigantischen Schreibtisch“ (siehe Klappentext) die Heroen Bern und Mann für eine Weile zu ersetzen durch die altmodischen süddeutsch-alemannischen Autoren Johann Peter Hebel und Gottfried Keller. Der Klimawechsel dürfte sich lohnen – nicht nur in diesem Fall. Heinz Wied