Für Romanschreiber gibt es zwei zuverlässige Kniffe, um das Publikum einzufangen. Der eine ist, ein Kind zu schlachten und ein ganzes Kapitel lang wehklagend an seinem Totenbett zu verharren. Der andere besteht darin, einen Kampf oder Mord zu beschreiben. Dieses Rezept ist heute nicht mehr so neu. Es stammt von einem Mann, der sein Publikum genau kannte und sich dennoch nicht scheute, ihm zuweilen ordentlich eins auszuwischen. Shaw, der diese Worte schrieb, entschied sich in seinem Roman

G. B. Shaw: „Cashel Byrons Beruf“; Gebrüder – Weiss, Verlag, Berlin – Schöneberg; 345 S., 12,80 DM,

für das „Auswischen“. Cashel Byron ist Preisboxer – und was für einer! Er ist ein Star des Faustkampfes und vor allem: Er ist mit einer göttergleichen Gestalt begnadet! Sein dritter Vorzug: Er denkt nicht nach. Dieser Ausbund männlicher Schönheit und Kraft hat in seinem herrlichen, aber vom Geiste gänzlich unbewohnten Kopf einen aberwitzigen Entschluß gefaßt. Lydia Carew, ein Mädchen der high society, mit Landsitz und großem Vermögen, liebreizend, klug, hochgebildet und von äußerst feiner Sitte – kurz: ein Muster menschlich-gesellschaftlicher Vollkommenheit und turmhoch über dem Boxer – sie soll seine Frau werden.

Was man auf Seite 290 noch für völlig unmöglich hielt, zehn Seiten weiter ist’s dann geschehen: Die Dame ergibt sich. Sie tut es nicht etwa aus unberechenbarer weiblicher Laune – so weit läßt Shaw seine Geschöpfe nicht aus der Hand. Vielmehr führt er sie stramm an der Kandare der Theorie. Diese Theorie kommt nämlich von Darwin und heißt Veredelung der Rasse Das gesittete Weib und der Mann des Impulses, ihr Gehirn und seine Figur, das ist im Hinblick auf Nachwuchs eine vertrauenerweckende Mischung. Daß der einfältige, doch hochherzige Sportler sich noch im letzten Augenblick als Gentleman erstklassiger Abstammung entpuppt, wäre nach so viel biologischer Eignung eigentlich nicht mehr erforderlich. Doch so zurückhaltend ist Shaw hier nicht.

Shaw hat später diesen und seine vier anderen Romane mit spöttischer Nachsicht als die „weit zurückliegenden Erzeugnisse seiner Minderjährigkeit“ bezeichnet. Was an dem Werk des 26jährigen Autors einmal neuartig war, das wirkt heute eher antiquiert. „Cashel Byron“ war der kühne Versuch, den Boxsport als literarischen Gegenstand ernst zu nehmen. Shaw wollte den Lesern sowohl die romantische Glorifizierung wie den empfindsamen Abscheu, die sie mit ihrer Vorstellung vom Boxen gemeinhin verknüpfen, aus dem Kopf schlagen.

Für diese Aufgabe ist Shaw gut gerüstet. Äußerst sachkundig geht er vor und zeigt sich sogar mit den schwarzen Tricks des Metiers vertraut, Die „edle Kunst“ des Boxens, die schon Lord Byron in jüngeren Jahren übte (vielleicht daher der Name des Titelhelden?) braucht aber heute keine Rechtfertigung mehr. Sie hat sich bereits mitsamt den trüben Hintergründen des Geschäfts in der Literatur etabliert. Man denke an Schulbergs „Schmutziger Lorbeer“.

Immer noch reizvoll hingegen ist die Art, wie Shaw trifft: Die eleganten, witzigen Dialoge und die schnellen Püffe, die er den Vorurteilen seiner; Zeit versetzt, bestechen. In diesen Seitenhieben auf die Gesellschaft ist schon die Pranke dessen zu spüren, der später so grimmig zuschlagen konnte. Maria Poelchau