Polen produziert nicht mehr genug Fleisch, um den Eigenbedarf der Bevölkerung zu befriedigen. Regierung und Partei machen sich Sorgen. Nachdem zunächst ein fleischloser Wochentag eingeführt worden ist, sind die Fleischpreise durch Dekret um 25 v. H. heraufgesetzt worden. Die Fleischknappheit verschlingt zudem Devisen. In letzter Zeit war die polnische Handelsbilanz nahezu ausgeglichen gewesen. Nachdem jetzt der neue Engpaß aufgetreten ist, muß Polen Fleisch einführen. Die Regierung führt diese Importe nicht nur durch, um die eigene Bevölkerung versorgen zu können. Sie muß außerdem auch einen Teil der Einfuhren wieder exportieren. Polen hat langfristige Lieferverträge mit dem Ausland abgeschlossen und befürchtet, die westlichen Märkte für seine Fleischproduktion zu verlieren, wenn es die Verträge nicht einhält.

Gewisse Parteikreise machen für die aufgetretenen Schwächen die gegenwärtige Agrarpolitik Gomulkas verantwortlich, die ihnen aus ideologischen Gründen ein Dorn im Auge ist, weil sie die „Sozialisierung des Dorfes-“ nicht entschlossen genug vorantreibt.

Bekanntlich fällt die Agrarpolitik Gomulkas aus dem Rahmen der üblichen kommunistischen Vorstellungen. Sie besteht im wesentlichen darin, dem Bauern nach der mißlungenen Kollektivierung die „sozialistischen“ Arbeitsmethoden auf Umwegen schmackhaft zu machen. Um diese Entwicklung auf dem Lande zu fördern, sind von der Partei Bauernzirkel ins Leben gerufen worden. Dem Bauern, der einem Bauernzirkel beitritt, werden zahlreiche Vergünstigungen zuteil. Die üblichen, ins Uferlose gehenden Steuernachzahlungen, die selbst den reichsten Privatbauern ernsthafte Sorgen bereiten, belasten die Mitglieder der Bauernzirkel nicht, da ihnen Steuererleichterung gewährt wird. Außerdem kann der Bauer die landwirtschaftlichen Maschinen, die an die Bauernzirkel bevorzugt geliefert werden und gemeinschaftlichen Besitz sind, verwenden. Für einen Privatbauern ist die Anschaffung von Maschinen normalerweise nahezu unmöglich geworden.

Die Bauernzirkel bieten der Landbevölkerung neuerdings noch weitere Reize. Der Staat hat sich zur Zahlung von Marktpreisen an die Bauernzirkel verpflichtet, um den noch bestehenden Vorteil der Privatbauern (die nach Erfüllung der amtlichen Zwangsablieferungsquoten ihre Erzeugnisse auf dem freien Markt zu durchschnittlich 100 v. H. erhöhten Preisen verkaufen können) wettzumachen. Das geschieht folgendermaßen: Der staatlich festgesetzte Preis wird sofort nach Ablieferung der Agrarerzeugnisse an den Bauern entrichtet, während die Aufpreise Anfang des folgenden Kalenderjahres an die Bauernzirkel gehen und für den gemeinschaftlichen Maschinenkauf zweckgebunden sind.

Diese Finanzierung der Maschinenkäufe soll die alte kommunistische These: „über die Mechanisierung zur Kollektivierung“ in neuzeitlicher Form verwirklichen. Die Kollektivierung wird, also in Polen nicht, wie vor drei Jahren versucht worden ist, durch Enteignung, sondern durch Zusammenlegen des bäuerlichen Landbesitzes und gemeinsame Bodenbestellung in Angriff genommen.

Gomulkas Agrarpolitik ist zwar klar auf die Vergesellschaftung des polnischen Dorfes ausgerichtet. Den Gegnern ist sie jedoch zu langsam. Angesichts der veralteten Agrarmethoden in der polnischen Landwirtschaft wird es, so meinen sie, zu lange dauern, bis der Bauer mit „fortschritt-, lichen“ Methoden vertraut wird.

Gomulkas Gegner glauben, ihre Argumente mit stichhaltigen Zahlen belegen zu können. Die strengere Erfassung der polnischen Agrarproduktion hat in den Jahren 1950 bis 1955 dazu geführt, daß auf dem Ernährungssektor den Importen in Höhe von 560 Mill. $ Exporte von 890 Mill. $ gegenüberstanden, während in den Jahren 1956 bis 1958, in der Zeit der Lockerung der Ablieferungspflicht für Agrarerzeugnisse, die Importe sich auf 500 Mill. 8, die Exporte jedoch nur auf 420 Mill. $ beliefen. Aus dem Guthaben von 330 Mill. $ in den Jahren 1950/55 hat sich in der Zeit von 1956 bis 1958 ein Defizit von 80 Mill. S. entwickelt.