Dd, Mannheim

Mit Genugtuung berichtete die Zonenpresse über zwei angebliche Warnstreiks im Mannheimer Daimler-Benz-Lastwagenwerk. An zwei Tagen der vergangenen Woche sollen, wie die Nachrichtenagentur ADN meldete, zunächst 200, dann tausend Betriebsangehörige ihre Arbeit niedergelegt haben, um damit gegen die „spalterische Tätigkeit“ des Christlichen Gewerkschaftsbundes (CGD) zu protestieren. Was war tatsächlich vorgefallen?

Nach Aussagen verschiedener Werksangehöriger, die an diesen angeblichen Streiks beteiligt waren, hatten Betriebsratsmitglieder und deren Vertrauensleute am Mittwoch und am Donnerstag jeweils kurz vor 11 Uhr die Arbeiter aufgefordert, zu einer kurzen Besprechung auf dem Fabrikhof zusammenzukommen; es handle sich um eine wichtige Angelegenheit. Auch Metallarbeiter, die dem CGD angehören, folgten der Aufforderung. Dort wurde ihnen von dem DGB- und Betriebsratsmitglied Josef Jäger nahegelegt, die Entlassung der beiden CGD-Mitglieder Martin Schenkel und Kurt Dittmann aus den Diensten der Daimler-Benz AG zu verlangen.

Die beiden gelten als geistige Urheber eines kürzlich vor dem Werkstor verbreiteten Flugblattes, in dem sich die Bezirksgruppe Mannheim der Christlichen Gewerkschaft gegen linke Tendenzen des Betriebsrates, gegen häufige Fahrten der DGB-Funktionäre in die Zone und gegen unfaire Methoden beim Kampf der Einheitsgewerkschafter gegen den CGD wendet. Die Entlassung von Dittmann und Schenkel wurde inzwischen von der Betriebsleitung entschieden abgelehnt.

Bei den Versammlungen auf dem Fabrikhof, die nicht einmal eine halbe Stunde dauerten, dankte Jäger den Erschienenen dafür, daß sie seinem Rufe „spontan“ gefolgt seien. Der größte Teil der Versammelten, deren Zahl von der Werksleitung auf „wenige Hundert“ geschätzt wird – die gesamte Belegschaft zählt 11 000 Köpfe – war sich freilich gar nicht bewußt, an einem oder mehreren „Streiks“ teilgenommen zu haben.