Das Schwungrad eines jeden Tages liefe in ungestörtem Rhythmus, wenn nicht zu ungelegener Stunde ein Störenfried in seine Speichen griffe: das Verhängnis. Es meldet sich selten, warnend an, es überrascht uns gerade bei den Geschäften, die keinen Aufschub vertragen. Und schon ergrimmen wir und verwünschen unser Mißgeschick, das uns hindert, das Tagewerk mit einem Lied auf den Lippen zu beginnen.

Ja, es kann geschehen, daß der Mund, schon zum Pfeifen gespitzt, sich in bittere Falten zurückzieht, wenn das Verhängnis wie ein Blitz einschlägt. Im selben Augenblick fällt ein Vorhang vor unser Leben, verdüstert die Aussichten und deckt die lieblichste Laune zu.

Selbst ein unbedeutender Zwischenfall kann unser Innenleben verwirren. Da hilft es nichts, sich aufzubäumen, da nützt es nichts, den Tag der Geburt zu verwünschen – man verheddert – sich in eine listige Winzigkeit, die zu einem riesenhaften Hindernis aufwächst. Und statt der heiteren Melodie des unbeschwerten Herzens ertönt das Knurren des gereizten Menschen, der sich mit sich selber überwirft.

Mich traf das Verhängnis, als ich den rechten Schuh zuband und der Senkel riß. In meiner Hast betrüge ich mich selbst, glaube noch einmal an seine Haltbarkeit und binde zwei Ösen tiefer eine Schleife, die den Schuh bezwingen soll. Doch wehe, kaum betrete ich die Straße, da platzt der Senkel zum zweitenmal und schleift, nur noch von einem Bande gehalten, über den Rand des Schuhes, der jetzt seinen letzten Halt verliert und ausschweifend einen lockeren Lebenswandel beginnt, der auf mich zurückfällt.

Soll ich den brüchigen Senkel wieder flicken? Nein, ich habe genug von dieser Auseinandersetzung, ich gebe nach und hoffe, daß das Verhängnis wenigstens den Wehrlosen begnadigt. Bei jedem Schritt schwappt und klappt der Schuh und will sich von den Gelenken trennen; ängstlich locke ich ihn jedesmal wieder zurück. Diese Schlamperei bemerken alle Leute und geben mir mit der Überlegenheit der einwandfrei Gekleideten zu verstehen, daß der gerissene Senkel meine Menschenwürde in Frage stellt. Auch unscheinbare Dinge müssen heil sein, wenn sie unseren Lebensweg sichern sollen.

Da sehe ich endlich ein, daß der ungeschnürte Schuh keinen Kompromiß zuläßt, werfe das schmuddlige Fragment auf die Straße und kaufe mich im nächsten Laden für zwanzig Pfennig von dem Verhängnis los. C. Neumann