Obrigkeit? Ich suche nach, was mir der Reihe nach begegnet ist: die hektischen undurchdachten Marginalien Wilhelms des Zweiten – die Obrigkeitsrang bekamen; die mühsame, von so viel Zufälligkeiten abhängige Mehrheitsarithmetik aus der Weimarer Republik; Hitlers Teufelei; der Staat von Bonn mit manchen Belastungen, auch personeller Art; der Staat Francos, in dem ein nichtkatholischer Christ nicht einmal Lokomotivführer bei der spanischen Staatsbahn werden darf (bei einem oberschwäbischen Fürsten darf ein evangelischer Christ, 1959, nicht einmal Waldschütz werden –), der Staat des Generals, der die Folterungen in Algier – nicht verhindert und dann – ja immerhin der Staat Churchills, Attlees und Macmillans: anders denn als Notbehelfe und Notordnungen kann ich sie alle nicht verstehen.

Aber wenn sich nun im Wechselspiel der Bösewichter und der Gutwichte ein Gleichgewicht herstellt, so daß donnerstags unsere Mülleimer geleert werden und Schulräume eingerichtet, Steuergesetze erlassen werden, die irgendeinen Sinn haben –, dann soll dieser Staat mit unserem Sinn für Loyalität rechnen dürfen; wir werden auch als Sozialisten über den Hindenburgdamm fahren oder in die Zeche ‚Fürst Bismarck? einfahren, und – als Christen – in der Karl-Marx-Universität einen Gastvortrag halten, wenn man uns einlädt.

Das unselige Auto-Gleichnis von Dibelius wird man wohl gerechterweise nicht überstrapazieren dürfen: er dachte im Zusammenhang nicht an ‚Widerstand gegen die Staatsgewalt‘, sondern an einen Vorgang, der sich im Gewissen abspielt: ‚ich werde meine zehn Mark Strafe zahlen, ohne im Gewissen bedrückt zu sein‘, heißt es ja wohl dem Sinn nach.

Ich würde freilich im ganzen Bereich ausdrücklich an Jeremia 29 verweisen – an den Brief, den der Prophet an die Juden im Exil schrieb, in dem er sie zur Mitarbeit in Babylon aufforderte: ,Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn es ihr wohl geht, geht es euch auch wohl...‘ Das ist nicht Opportunismus, würde ich sagen, sondern einfach nüchterner, gläubiger Realismus. Albrecht Goes, Stuttgart