Wir haben vier völlig verschiedene Typen politischer Gemeinwesen zu unterscheiden: den heidnischen Staat Neros, die „Obrigkeit“ von Christen über Christen, den säkularen Staat der Neuzeit und den totalen Staat, der das Glaubensbekenntnis für die weltliche Regierung fordert und der darum mit der christlichen Kirche noch schneller in Widerstreit gerät als der heidnische Staat.

Für unsere gewandelte Situation ist aus dem Römerbrief nicht mehr herauszulesen als das Gebot der Achtung vor der politischen Ordnung und der Vorrang des Liebesgebotes (im Sinne der Bergpredigt), in das alles politische Verhalten eines Christen eingeschlossen ist. Selbst mit dem Begriff der Legitimität scheint mir Dibelius schon zuviel hineinzulegen.

Weder Christus bei der Frage nach dem Zinsgroschen noch Paulus im Römerbrief fragen nach der legitimen Herkunft des Kaisers, sondern sie urteilen nur danach, ob die kaiserlichen Behörden ihre Funktion erfüllen, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Die historische Episode der christlichen Obrigkeit – dauert genauso lange, wie die Fürsten Patriarchen sind und die Welt sich die patriarchalische Vormundschaft gefallen läßt. Sie erlischt bei uns spätestens 1848. Wenn Wilhelm II. den Begriff des Gottesgnadentums im Sinne Friedrich Wilhelms IV. erneuerte, dann geschah das im Widerspruch zu seiner staatsrechtlichen Position und zu der sozialen und geistigen Lage im Deutschen Reich. Dibelius irrt, wenn er das Ende der Obrigkeit; mit der Herrschaft der Parteien gleichsetzt. Sie ist zu Ende mit dem Auftreten eines Staates, der prinzipiell weltanschaulich neutral ist, In einem solchen Staat hat der Christ die Ordnung anzuerkennen, solange sie von ihm nicht verlangt, daß er das Liebesgebot übertritt. Er hat darüber hinaus das neue Amt des verantwortlichen Staatsbürgers, das Paulus und Luther nicht kannten und für das sie keine Anweisungen geben konnten. (Das erkennt selbst der strenge Lutheraner Althaus in Erlangen an.)

Im totalen Staat liegt eine ganz neue Situation vor. Die Liebe zum Nächsten kann nur bewährt werden, wenn man bestimmte staatliche Forderungen – kein Verkehr mit Juden und Kriegsgefangenen im Dritten Reich, Denunziation von Republikfluchtwilligen in der DDR – übertritt. Die politische Verantwortung des Staatsbürgers verlangt, daß man sich bemüht, das ungerechte Regime zu stürzen. Nicht, weil es illegitim der Herkunft nach wäre, aber weil und soweit es seine Funktion nicht erfüllt. Luthers Definition des türkischen Sultans als Obrigkeit hat damit nichts zu tun, denn die Türken hatten nicht nur eine gute Verwaltung byzantinischer Tradition, sondern sie ließen den Christen – allerdings als Staatsbürgern zweiter Klasse – ihre Sonderexistenz und verlangten nicht eine Anerkennung des Korans, wie das Dritte Reich eine Anerkennung der Rassenlehre verlangte und die DDR eine Anerkennung der materialistischen Geschichtsauffassung verlangt.

Nun zu den vier Fragen:

1. Jede politische Macht ist von Gott, denn Gott regiert die Geschichte, und auch der Teufel ist nach Luther „Gottes Teufel“, aber er bleibt dabei der Teufel, dem zu widerstehen ist. „Gegenstandslos“ – ich würde lieber sagen: irrelevant – ist die Unterscheidung zwischen politischen Systemen als solchen: Monarchie oder Republik, Demokratie oder autoritäres Regime. Der Christ hat hier nach einem Mehr oder Weniger zu fragen: welche Ordnung bietet in einem bestimmten Fall die bessere Chance für die Predigt des Evangeliums und die Betätigung der Nächstenliebe? Er hat sich aber loyal zu fügen, solange diese Chancen überhaupt offen bleiben. „Wenn aber der Kutscher trunken ist“, wie der norwegische Bischof Berggrav in Anlehnung an Luther sagt, wenn die politische Führung nicht zurechnungsfähig ist oder bewußt Unrecht tut, hat er sich zu widersetzen. Er muß nur wissen, daß er damit die Gefahr der Anarchie heraufbeschwört und daß er aus den Trümmern eine neue Ordnung aufzurichten verpflichtet ist. Das war das Dilemma der Widerstandsbewegung in Deutschland, das unsere norwegischen und holländischen Freunde nicht kannten, weil sie für eine anerkannte, nur von außen gestörte Ordnung kämpften.

Die Unterscheidung zwischen den Pflichten des Christen und des Bürgers kann ich nicht anerkennen; höchstens insofern, als vom gläubigen Christen eine besondere Wachsamkeit verlangt wird, ob seinem Nächsten Unrecht geschieht.