Zum 200. Geburtstag am 10. November

Außer dem einzigen Heinrich Heine (der hier nur wenigen viel gilt) ist kein deutscher Dichter ein Exporterfolg gewesen. Auch Schiller nicht. Er rangiert allenfalls an dritter Stelle, hinter Heine und Goethe – und schon Goethe ist nur dem sehr gebildeten Engländer, Franzosen, Amerikaner mehr als ein Name.

Sich solche Wirkung nach außen hin von Zeit zu Zeit einmal vor Augen zu führen, scheint heilsam und ein Schutz gegen jene Verschiebung aller geistigen Proportionen, die dann eintreten muß, wenn man sich selber höchst willkürlich und naiv als Mittelpunkt setzt. Das Argument zum Beispiel, die jüngste deutsche Literatur wirke heute nicht über die Landesgrenzen hinaus, wird danach sehr fragwürdig. Es war eben schon immer so, daß wir in der Literatur (anders als vor allem in der Philosophie) sehr viel mehr importiert als exportiert haben.

Hieran also hat sich nichts geändert. In Deutschland selber hingegen war die Wirkung der deutschen Literatur einmal groß. Gewiß waren es oft zweitrangige Dichter, die erstrangige Wirkungen hervorbrachten, Männer wie Körner und Kotzebue.

Schillers Bedeutung lag nicht zuletzt darin, ein ganz großer Dichter und dennoch kein bißchen esoterisch, oft geradezu volkstümlich und auf jeden Fall im Rahmen der erst von ihm so geschaffenen „moralischen Anstalt“ des Theaters unerhört wirkungsvoll zu sein. Mit Recht ist er unentbehrlicher Autor für deutsche Lesebücher und Lehrpläne geworden. Und gerade das ist ihm nicht gut bekommen.

Wer auf einem Sockel steht, ist tot. Wer nicht kritisiert werden darf, interessiert nicht. Wo das ohnehin einer skeptischen Generation sehr fremde Pathos Schillers sich mit dem Pathos eines Oberlehrers verbindet, kann das Lied von der Glocke und kann die Freude als schöner Götterfunken sogar mit der Musik Beethovens unerträglich werden; und eine Ballade wie der Gang nach dem Eisenhammer läuft Gefahr, hinreißend komisch zu wirken.

Daß Schillers Werke nicht durchweg verstaubt sind, wird jungen Leuten nur klarmachen können, wer zugibt, daß an manchen Stellen – auch auf so berühmten und noch immer gespielten, von genialen Interpreten zuweilen sogar neubelebten Dramen wie „Die Räuber“ oder „Kabale und Liebe“ sich einiger Staub angelagert hat. Wie sollte das auch anders sein nach zwei Jahrhunderten? Und viele von den Älteren, die „ihren Schiller“ lieben, sollten ihn vielleicht auch weniger bewundern und mehr lesen – eine vorzügliche Gesamtausgabe wie die, die jetzt in fünf Dünndruckbänden im Hanser-Verlag, München-, erscheint, gibt Gelegenheit dazu (mehr darüber finden Sie im Literaturteil dieser Zeitung).