r. g., Stuttgart

Der Fall Freitag? Margarethe Freitag ist kein Fall“. Diese telephonische Feststellung einer mit der Jugendgerichtsbarkeit zusammenhängenden Stelle ist wohl berechtigt. Es gibt in der Tat keinen „Fall“, deren unrühmliche Akteurin die jetzt 17jährige Margarethe Freitag wäre, wohl aber gibt es einen Fall von Jugendjustiz, der in Stuttgart-Zuffenhausen gekennzeichnet ist durch Verständnislosigkeit und fragwürdige Perfektion.

Es war am 4. April dieses Jahres, als Margarethe Freitag abends mit einem unbeleuchteten Fahrrad durch eine gesperrte Straße fuhr. Sie war zusammen mit einer Freundin, die sich derselben Übertretung schuldig machte.

Die beiden Mädchen wurden aufgeschrieben. Während die Freundin, eine achtzehnjährige Kontoristin, einen Strafbescheid über 5 Mark erhielt, wurden der Siebzehnjährigen – vermutlich, weil sie noch in der kaufmännischen Lehre ist – vom Jugendgericht drei Auflagen zudiktiert: Sie mußte erstens einen vierseitigen Aufsatz über das Thema schreiben: „Wie hat sich ein Radfahrer im Straßenverkehr zu verhalten?“, sie mußte zweitens an einem Verkehrsunterricht teilnehmen und sie mußte drittens acht Stunden lang in einem Jugendheim arbeiten. Ein bißchen viel in Anbetracht anderer Fälle, in denen es mit einer gebührenpflichtigen Verwarnung abgeht, und auch in Anbetracht der 5 Mark, mit denen die um ein Jahr ältere Freundin davongekommen war.

Das Mädchen lieferte termingerecht den Aufsatz ab, besuchte den Verkehrsunterricht und machte sich nach Weisung des Jugendamtes eines Sonnabends auf den Weg in das Städtische Jugendheim in der Kernerstraße – zum Strümpfestopfen. Dort wurde ihr jedoch von der Heimleitung erklärt, daß am Sonnabend nicht gearbeitet werde.

Das Mädchen gab später vor Gericht an, das Heim noch ein zweitesmal, diesmal an einem Mittwochnachmittag aufgesucht zu haben. Abermals sei sie weggeschickt worden. Im Gegensatz zum ersten ließ sich dieser zweite Besuch jedoch nicht beweisen. Dem Jugendamt wurde nur bekannt: Das Mädchen hat die festgesetzten acht Stunden nicht gearbeitet. Nun war sie auch beim Verkehrsunterricht versehentlich nicht registriert worden. So schickte das Jugendamt eine amtliche Erinnerung.

Nun waren aber die Tante und der Onkel, bei denen das Mädchen lebt, der Ansicht, daß Margarethe offenbar ihr Möglichstes getan habe, um die Bußübungen zu absolvieren. Damit sollte es nun doch genug sein, meinten sie, und sie beschlossen, die schlechte Koordination amtlicher Stellen mit Nichtachtung zu strafen. Sie hatten indes nicht mit dem Rechtsempfinden der Ämter gerechnet.