Heldenverehrung, steht nicht hoch im Kurs, wir haben mit ihr ernüchternde Erfahrungen gemacht. Heldentum des Geistes kann uns dagegen gerade heute gar nicht oft genug vorgestellt werden.

Man sollte es nicht glauben, daß die weltgeschichtliche Vergangenheit noch Beispiele aufzuweisen hat, von denen bislang so gut wie nichts bekannt war, es sei denn unter einigen Spezialgelehrten. Oder gibt es viele Leser, die angesichts des Buchtitels

Selma Stern: „Josel von Rosheim, Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 270 S., 24,80 DM,

nicht zunächst vermuten, daß es sich um eine Romangestalt handle? Aber was es darin zu lesen gibt, ist bare Wirklichkeit gewesen. Vorgetragen ist, es im sachlichen Stil dokumentarischer Chronik, und gestützt ist es auf einen umfangreichen wissenschaftlichen „Apparat“.

Das Buch wäre (in einer Schulausgabe) ein gutes Vorbeugungsmittel gegen antisemitische Verirrungen. Was dieser tapfere und weise Mann leistete, den sein ewig bedrängtes Volk zu seinem „Vorgänger“ und „Befehlshaber“ wählte, was er an Strapazen und Gefahren auf sich nahm, um seine Glaubensgenossen, die „Kammerknechte des Heiligen Römischen Reiches“, gegen die Willkür der Städte und Fürsten, gegen Ritualmordanklagen und Hostienschändungsprozesse, nicht zuletzt gegen Luthers erbarmungslosen Pogromaufruf zu schützen, das ist erstaunlich und bewundernswert.

Zwar gelang ihm. mit: seinem Vorkämpfeitum im Endeffekt nur Stückwerk, und auch dies wäre ihm nicht möglich gewesen ohne den Gerechtigkeitssinn des Kaisers Maximilian, ohne die Unbestechlichkeit vor allem Karls V. Aber hier wie überall im Bereich der sittlichen Werte liegt die Bedeutung des Menschen und seiner Sache nicht im Erfolg, sondern in der bloßen Existenz.

Der elsassische Jude, respektiert von allen, die in jener aufgewühlten Zeit noch Recht und Ordnung vertraten, und fast regelmäßiger Gast bei den Reichstagen, ließ sich nicht von blinder Parteilichkeit bestimmen. Er ermahnte auch immer und immer wieder die Seinen, sich vor Wuchergeschäften zu hüten.

Das landläufige Panorama der gärenden Übergangsepoche vom Mittelalter zur Neuzeit erfährt durch die Gestalt Josel von Rosheims einige Korrekturen. Auch darum ist das Buch beachtenswert. Walter Abendroth