Hat Nabokov seine wissenschaftliche Arbeit und seine Professur an der Universität Cornell aufgegeben, um eine Fortsetzung der „Lolita“ zu schreiben? So behauptete es ein Gerücht, das in den letzten Wochen die Runde durch die Presse machte und alle Bewunderer Nabokovs vor den Kopf stieß – denn zu einer solchen Geschmacklosigkeit kann kein ernst zu nehmender Schriftsteller fähig sein. Nun, das Gerücht war falsch. Ein Vertreter der Pariser Wochenzeitung L’Express hatte kürzlich Gelegenheit, sich ausführlich mit Nabokov zu unterhalten. Hier einige Ausschnitte aus diesem Gespräch.

„Für viele ihrer Leser schien ‚Lolita‘ eine erschütternde Liebesgeschichte zu sein. Haben Sie es so beabsichtigt?“

„Ich habe mich jahrelang um dieses Buch bemüht, Ich hatte gleichzeitig vieles andere zu tun: meine Vorlesungen an der Universität Cornell und eine wissenschaftliche Arbeit über Puschkin. ‚Lolita‘ habe ich nur während der Ferien geschrieben. Meine Frau und ich sind von Motel zu Motel gereist. Wir jagten Schmetterlinge in den Rocky Mountains, und wenn es regnete, setzte ich mich in unser Auto und schrieb.“

„Korrigieren Sie viel in Ihren Manuskripten?“

„Dauernd. Das Schreiben fällt mir sehr schwer. Ein Brief oder auch nur eine Postkarte kostet oft Stunden.“

„Sind Sie nicht ein wenig hart zu Lolita gewesen?“

„Doch. Aber sie ist auch eine sehr rührende Figur. Zum Ende des Buches hin haben der Leser und der Autor Mitleid mit diesem armen Kind, das auf dem Altar der Motels geopfert wurde. Sie ist nicht mehr hübsch, sie kriegt ein Kind – da liebt Humbert Humbert sie wirklich, nicht mehr mit der früheren, morbiden Leidenschaft. Dann stirbt sie, und ihr Tod ist von Anfang an in dem Buch, ist die Voraussetzung für dieses Buch.“