Die Haspelmädchen bei Zöllner & Co. sangen. Das hatten sie immer getan. Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, und sie hörten erst auf damit nach 1918, als es nichts mehr zu haspeln und auch nichts Rechtes mehr zu singen gab.

Maß man das Glück mit der Lohntabelle, so ist es ihnen nie gut gegangen. Und maß man die Charaktere mit den Schlagzeilen vieler Zeitungen aus jener Zeit, so war der alte Wilhelm Zöllner, der mit seiner schönen Frau in der offenen Equipage hinter prächtigen Pferden Blicke und Grüße der Passanten entgegennahm, ein Ausbeuter.

Aber die Haspelmädchen sangen. Ob schön, wer weiß es. Aber innig sangen sie und gedehnt: Volkslieder, die immer bleiben werden, und solche, die längst vergessen sind, dazu religiöse Lieder in großer Zahl. Auch die Aufpasserin, die das Haspeln verstand und die dritte Stimme beherrschte, wie sonst keine, sang mit. In der Bindstube, in der Packstube, in der Wiegkammer und im Comptoir hörten die Männer oder die Herren – im Comptoir gab es nur Herren – zu. Auch bis zum Privatcomptoir, wo Herr Wilhelm Zöllner die Post studierte, drangen die Lieder. Er freute sich daran und wußte nicht, daß er ein Ausbeuter war und daß der Schmuck, den er seiner Frau geschenkt hatte, von dem sauren Schweiß seiner Arbeiter gefertigt war. Auch die Haspelmädchen wußten es nicht.

Am 3. September des Jahres 1871 – die greise Tochter eines jener Haspelmädchen berichtete es etwa 60 Jahre später dem jungen David Zöllner, dem Enkel, als sie seinen Rat suchte –, an jenem Tage also hatte eine Depesche aus Sedan die Kunde gebracht von dem großen Sieg, den alle einig gewordenen deutschen Stämme errungen hatten. Wilhelm Zöllner hatte es gerade seiner Frau beim Frühstück aus der Zeitung vorgelesen und ging nun über die gedeckte Brücke, die Privathaus und Fabrik miteinander verband, den wohlgebürsteten grauen Halbzylinder auf dem Haupte, seinen schon leicht angegrauten Vollbart glättend, just in die Haspelstube hinein. Er blieb stehen. Denn lauter und inniger als sonst sangen sie. „Nun danket alle Gott“, sangen sie, und die Haspeln ruhten. Wilhelm also blieb stehen. Die Singenden bemerkten ihn erst, als seine starke Baßstimme ertönte: „... unendlich viel zu gut und noch jetzund getan“. Da stand er, den Halbzylinder in der Hand, und behielt ihn auch darin, als er aus irgendeinem Grunde sein Pincenez von den Augen nahm und erst an jenem, dann an diesen etwas mit seinem Seidentuch zu wischen hatte. Das also schien, 60 Jahre später, jener Alten, deren Mutter es gesehen hatte, wichtig genug, es dem Enkel dieses Mannes mitzuteilen.

Längst lag der alte Zöllner begraben, längst waren jene inzwischen verheirateten Haspelmädchen durch andere und wieder andere ersetzt worden, als der jüngere Zöllner das Regiment mit einem Associé teilte. Der hatte es mit der Rationalisierung und erkannte, daß das Singen der Arbeit abträglich sei. Es seien Klagen der Kundschaft laut geworden, daß bei einigen Sendungen des von den Mädchen auf Karten gewickelten Bandes bis zu einem halben Meter gefehlt habe. Zwischen dem jüngeren Zöllner, der bei diesem Gesang großgeworden war und der manche Stunde, statt Schularbeiten zu machen, in der Haspelstube singend verbracht hatte, und dem rationalisierenden Sozius, gab es die erste heftiger Auseinandersetzung. Zöllner entschied: „Dann wird in Zukunft dreimal mehr herumgedreht.“ Kein Kunde beschwerte sich mehr. Aber der Associé grollte. Und nicht lange danach löste er sich von Herrn Zöllner. In der Haspelstube aber wurde weiter gesungen.

Bei Zöllner SC Co. war wenig Arbeiterwechsel. Der alte Gustav – so redeten ihn der jüngere Herr Zöllner und alle im Betriebe an; der junge David und seine Brüder wurden aber durch eine väterliche Ohrfeige belehrt, daß er gefälligst für sie der Herr Kottbach sei – besagter Gustav also war länger im Hause, als Herr Zöllner lebte, und Hieb dort mit seinem alten Lohn, als er höchstens noch die Kraft hatte, nach den Ofen in den Comptoirs zu sehen. Darüber hinaus aber hatte er seit Menschengedenken die Aufgabe, das Haus zu bewachen. Aus welchem Grunde er denn in der Packstube neben dem Privatcomptoir eine sogenannte „Klappe“ bewohnte. Die sah bei Tage als wie ein Tisch mit Seitenwänden. Die waren grau gestrichen, die Platte aber mit schwarzem Spirituslack. Darauf wurden die kleineren Pakete gepackt und gebunden und adressiert. Klappte man abends die Platte hoch, so zeigte sich das; Bett, in dem Gustav – wachte. Das Telephon, auf dessen Bedienung Gustav zu verstehen sich innere lich weigerte, hing daneben an der Wand. Darunter war ein kleines Tischchen, in dessen Schubfach eine Pistole lag.

Aber, da Gustav im Kriege von 70 und 71 noch Lehrling gewesen und da der alte Kaiser ihn aus irgendeinem Grunde bei seinen Soldaten nicht nötig zu haben glaubte, verstand er von dem Gebrauch dieser Waffe nicht mehr, als daß man den Hahn zu drücken habe, nachdem man den Lauf gegen die Decke des Zimmers gerichtet hatte. Das schien dem militärisch aufs beste geschulten jüngeren Herrn Zöllner zwar nicht das geeignete Mittel, einen Dieb zu töten. Aber, da Gustav meinte, darauf komme es auch gar nicht an, sondern daß der Dieb weglaufe, blieb es dabei. Übrigens, dank besagter Klappe brauchte Gustav sonst kein Bett in dieser Welt und dank seiner Bescheidenheit und Ehelosigkeit auch nur wenig Geld, so daß er das meiste davon seinem begabten Neffen zukommen ließ, der, mit gleicher Bedürfnislosigkeit ausgestattet, viele deutsche und ausländische Universitäten besuchte und später als pensionierter Studienrat Gustavs, seines Onkels Grab in Treuen pflegte.