W. G., Saarbrücken, Mitte November

Die Saar hat den „Sprung ins kalte Wasser“ bis jetzt besser überstanden, als es vor der wirtschaftlichen Rückgliederung allgemein angenommen worden war. Die Wirtschaft verfügt im allgemeinen über gutgefüllte Auftragsbücher und sieht der weiteren Entwicklung, mit einiger Gelassenheit entgegen.

Unzufrieden sind aber die Arbeitnehmer. Die neuen Arbeitsbedingungen haben in der Bevölkerung zu einer anhaltenden Unruhe geführt. Viele Saarländer haben den Eindruck, daß die Übernahme des deutschen Leistungslohnsystems und der deutschen Sozialgesetze zu einer Verminderung des „sozialen Besitzstandes“ geführt habe. „Geringeres Einkommen bei gestiegenen Preisen“, so kommentiert der kleine Mann die neue Lage.

Dabei wird freilich übersehen, daß die Massenkaufkraft der Saarländer in der wirtschaftlichen Übergangszeit durch das Zusammenspiel der vorweggenommenen deutschen Leistungen mit den im Frankenraum verdienten guten Einkommen bereits eine Höhe erreicht hatte, die von manchen vergleichbaren Bundesländern nicht erreicht worden ist. Die an die Saar gezahlten Bundeshilfen haben direkt und indirekt auf die Höhe der Löhne und Gehälter eingewirkt. Ganz offensichtlich war dies auch im öffentlichen Dienst der Fall.

Die Einführung des deutschen Lohn- und Sozialsystems im Saarland am Tage X mußte also zu teilweisen Einkommensverlusten führen, zumal die saarländischen Warenpreise wider Erwarten immer noch überhöht sind. Die Sozialpartner haben zwar allgemein für die saarländischen Arbeitnehmer Tarife vereinbart, die an die Spitzenbeträge im übrigen Bundesgebiet .heranreichen oder diese – wie z. B. im Bergbau – sogar noch übertreffen. Da aber nun die nach dem französischen System gezahlten Einkommensbestandteile wegfallen und auch die DM-Sozialabgaben höher als in Frankreich liegen, sind die Nettoeinkommen zurückgegangen.

Nach einer ersten Übersicht zahlen ein großer Teil des Handwerks und des Dienstleistungsgewerbes, ferner die mit Aufträgen wohlversehene Hüttenindustrie sowie Großhandel, Einzelhandel, Banken und Versicherungen den alten Frankeneinkommen ungefähr ebenbürtige Nettoeinkommen. Die in der übrigen Wirtschaft Beschäftigten haben allerdings weniger günstig abgeschlossen.

Im öffentlichen Dienst sind die Kaufkraftverluste am stärksten. Sie betragen bis zu 20 v. H. Das hat unter den Staatsdienern erhebliche Unruhe hervorgerufen. Es kam in der letzten Woche zu spontanen Arbeitsniederlegungen. Die Gewerkschaften drohten nach vergeblichen Verhandlungen über die Gewährung einer widerruflichen Zulage (gestützt auf den Paragraph 5 des Gesetzes zur Einführung des Bundesrechtes im Saarland) mit Klagen vor den Arbeitsgerichten. Die Landeshauptstadt erlebte einen gewaltigen Protestmarsch mit anschließender Großkundgebung der ÖTV. Alex Langhans von der Hauptverwaltung der ÖTV bezeichnete die Vorgänge im Saarland als einen Skandal. Die Bundesregierung hat schließlich einem Härteausgleich grundsätzlich zugestimmt, ohne jedoch verbindliche Zahlen zu nennen. Das hat die öffentlich Bediensteten erneut in Harnisch gebracht. Am vergangenen Wochenende traten 5000 Beschäftigte in den Ausstand. Inzwischen hat sich die Unruhe wieder gelegt.