Da haben also die Chinesen wieder einmal einen alten kommunistischen Trick angewandt. Den Trick nämlich, mit großem Getöse einen horrenden Preis zu fordern, um dann, nachdem gebührend viel Zeit verstrichen ist, zu erklären, daß sie als vernünftige, stets vergleichsbereite Partner bereit seien, sich mit der Hälfte zufriedenzugeben.

In einem Brief, der übrigens in recht aufsässigem Ton gehalten ist, hat Tschu En-lai dem indischen Ministerpräsidenten vorgeschlagen, beide Länder sollten ihre Truppen um 20 km zurückziehen und in dem auf diese Weise entmilitarisierten Gebiet nur die zivile Verwaltung und unbewaffnete Polizei zurücklassen. „Die Chinesen lenken ein, Rückzug der Truppen angeboten“, so lauteten daraufhin die Schlagzeilen der Presse. Der Pferdefuß aber ist, daß die Chinesen in Ladakh 70 Kilometer auf indisches Gebiet vorgedrungen sind, so daß sie also nach einem Rückzug von 20 Kilometern immer noch 50 Kilometer widerrechtlich besetzt hätten.

Nehru, der ja ein Realpolitiker und nicht, wie viele Leute meinen, ein romantischer Idealist ist, hat einstweilen sehr vorsichtig reagiert. Aber aus der ungewöhnlich scharfen Note, die er in der vorigen Woche nach Peking sandte, kann man auf seine Einstellung schließen. In jener Note hieß es: „Vieles an der chinesischen Aktion erinnert an die Handlungen der alten imperialen Kolonialmächte, gegen die China und Indien gemeinsam gekämpft haben.“

Zu dem neuesten Brief des chinesischen Ministerpräsidenten hat Nehru sich noch nicht bindend geäußert, aber die Kongreßpartei, die in außenpolitischen Fragen gewöhnlich nichts beschließt, was Nehru nicht zuvor gutgeheißen oder sogar entworfen hat, lehnte den Entmilitarisierungsvorschlag bereits als praktisch unannehmbar ab – Begründung: er stelle eine Anerkennung der chinesischen Aggression dar. Dff