Von H. W. Berg

Im Nordosten Indiens zwischen der jetzt umstrittenen indisch-chinesischen Grenze und Burma leben die Nagas, ein Volksstamm, den zu zivilisieren bisher niemand gelungen ist. Die Nagas – es gibt deren etwa 400 000 – sind zum Teil heute noch Kopfjäger. Seit dieser Stamm im Jahre 1956 gegen die Regierung zu rebellieren begann, bemüht sich Neu Delhi, dieses Gebiet zu „pazifizieren“ – mit allen Mitteln, die nun einmal zu solchen Maßnahmen zu gehören scheinen: Militärische Aktionen und Umsiedlungen einerseits, Errichtung von Schulen und sozialen Anstalten andererseits. Aber die Waffen, die die Engländer während des Krieges in diesem Gebiet gegen die Japaner verteilten, tauchen bis zum heutigen Tage immer wieder auf. Erst vor ganz kurzem wurden wieder acht indische Soldaten und ein Arzt getötet. Jetzt nun hat eine Versammlung von 2000 Delegierten der Nagas den Vorschlag gemacht, ein autonomes Gebiet Nagaland innerhalb des Staates Assam zu schaffen. Es ist durchaus denkbar, daß die Regierung in Neu Delhi auf diesen Vorschlag eingehen wird, um endlich das Kriegsbeil begraben zu können, zumal die Gefahr besteht, daß die Nagas chinesische Unterstutzung finden könnten. Unser Korrespondent H.-W. Berg schildert einen Besuch in diesem Gebiet.

Kohima, Assam, im November

Wie eine Koppel Pferde im Gewittersturm, so drängen sich die Hütten und Häuser der Nagas schutzsuchend auf den Gipfeln der grünen Hügel des Nagalandes zusammen. Die Dörfer dieses stolzen Kriegerstammes im Grenzgebiet zwischen Indien, Burma und Tibet sind Burgen, in denen das Lebensgesetz der Menschen bestimmt wird von den Erfahrungen eines jahrhundertealten Kampfes gegen feindliche Nachbarn und gegen die wildwuchernde Natur.

Der Kampf, den ein Teil der Nagas seit einigen Jahren führt, dient indessen nicht der Behauptung gegenüber den Nachbarstämmen oder den Tücken der tropischen Natur: er richtet sich gegen die indische Regierung und ihr Bemühen, das Gebiet der Stämme im Grenzland zu „kolonisieren“. Da die Straße, die aus dem Brahmaputra-Tal in die Nagaberge hinaufführt, nach Kohima und weiter über Manipur zur burmesischen Grenze, dauernd von eingeborenen Terroristen überfallen wird, fahren wir die Strecke mit einer militärischen Eskorte.

In Kohima haben die führenden Beamten der indischen Grenzverwaltung ihren Sitz. Sie regieren in der North East Frontier Agency ein Urwaldgebiet etwa von der Größe Österreichs. Hier leben neben den 400 000 Nagas noch ein Dutzend andere halbwilde Eingeborenenstämme, die zusammen ebenfalls rund 400 000 Menschen zählen.

Ein jüngerer Inder aus der hervorragenden Schule des Indian Civil Service erklärt uns an Hand einer Generalstabskarte die Arbeit, die er und seine Kollegen hier zu leisten haben und die wohl zu den abenteuerlichsten Pionieraufgaben unserer Zeit gehört. Ziel der Regierung ist es, den gewaltigen Urwaldgürtel, der sich von der tibetanisch-assamesischen Grenze bis nach Manipur und Burma herunterspannt, der Zivilisation zu erschließen, ohne dabei jedoch das Eigenleben der Eingeborenenstämme zu sehr zu verletzen.