Als sich der spanische Außenminister Fernando Maria Castiella y Maiz in das Goldene Buch der Stadt Bonn eintrug, demonstrierten vor dem Rathaus etwa dreißig sozialistische Studenten. Sie entrollten Spruchbänder mit der Aufschrift "Keine Faschisten in die NATO!" und "Nieder put Franco!". Flugblätter wurden verteilt, und die Passanten lasen: "Mit Antidemokraten kann man kein Bündnis zur Verteidigung der Demokratie schließen."

Die Bonner Bürger freilich klatschten dem spanischen Außenminister Beifall, als er das Rathaus wieder verließ. Die Demonstration der Studenten war nur eines jener Nachhut-Scharmützel zwischen den besorgten und "prinzipientreuen Demokraten", die eine Aufnahme Franco-Spaniens in die westliche Allianz als kompromittierend für die freie Welt empfinden, und den "Realpolitikern", die den Beitritt Madrids als wünschenswert oder doch wenigstens als unvermeidlich ansehen.

Daß sich die Realpolitiker in den Hauptstädten des Westens – mit Ausnahme von Oslo und Kopenhagen – durchgesetzt haben, geht nicht zuletzt auf das geschickte Verhalten Castiellas zurück. Sein Besuch in London im August, das Treffen mit seinem französischen Kollegen Couve de Murville Ende Oktober, schließlich seine Fahrt nach Bonn in diesen Novembertagen – das waren drei bedeutsame Stationen auf dem Weg Spaniens aus der politischen Isolation. Und wenn Präsident Eisenhower auf seiner Europa- und Asienreise am 21. Dezember in Madrid Station machen wird, dann ist dies die Krönung der Bemühungen Castiellas: Zum erstenmal seit dem Bestehen des Franco-Regimes wird das Staatsoberhaupt eines großen demokratischen Landes die spanische Hauptstadt besuchen.

Aber nicht nur außerhalb Spaniens haben sich die Realpolitiker durchgesetzt – auch die Spanier selber sind vom hohen Roß der Ideologie herabgestiegen. Jedenfalls hat der spanische Außenminister, dem noch im Jahre 1951 das Botschafter-Agrément von der englischen Regierung verweigert wurde, manche seiner früheren Auffassungen gründlich revidiert.

Castiella im Jahre 1941, im selben Jahr, als er sich freiwillig zur Blauen Division gemeldet hatte und vor dem Abmarsch an die Ostfront stand, in einem Buch mit dem Titel "Spanische Ansprüche: "Spanischer Boden wurde zum Schmelztiegel, wo sich das Heldentum dreier armer Länder – Spanien, Italien und Deutschland – vereinigte, genährt durch den frischen Saft einer modernen Weltanschauung, begründet auf der Betonung der Lebensnotwendigkeit gegenüber dem dekadenten und mottenzerfressenen Gebäude der französischen und britischen Imperien."

Castiella in einem Interview 1959, kurz vor der Reise nach Bonn: "Unsere Beziehungen zu London und Paris haben sich verbessert, und ich hoffe, daß sie sich noch weiter verbessern werden. Wenn wir an Europa denken, so glauben wir, daß es notwendig ist, zwei bedenkliche Hindernisse auf dem Weg zur Einigkeit zu überwinden: ideologischen Parteigeist und nationalistisches Vorurteil. Wir müssen die christlich-humanistische Wurzel freilegen, die den europäischen Staaten gemeinsam ist!"

Von den abendländischen Gemeinsamkeiten war denn auch viel die Rede bei dem Bonner Besuch Castiellas. Das Bulletin der Bundesregierung betonte die Gemeinsamkeit der deutschen und der spanischen Außenpolitik in der Abwehr des Kommunismus. Der CDU-Pressedienst wies darauf hin, daß Spanien den deutschen Rechtsanspruch auf Wiedervereinigung stets unterstützt habe. Und so erhielt Castiella in Bonn die Versicherung, daß die Bundesrepublik eine Aufnahme Spaniens in die NATO begrüßen werde.