VIII. Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Salomon

Im Zuchthaus und auf Festung hatte A. D., der frühere Reichswehrleutnant, vergeblich für seine Freilassung und Rehabilitierung gearbeitet: Opfer eines Justizirrtums und eines Geheimnisparagraphen. Schließlich rechnete er sich aus, daß er Weihnachten 1933 frei sein werde. Von einem Urlaub auf Ehrenwort in die Festung G. zurückgekehrt, traf er als Mithäftling einen anderen Reichswehrleutnant D.: Richard Scheringer. War A. D. ein völlig unpolitischer Mensch, so zeigte sich Scheringer als ein unbekümmertes politisches Temperament. War A. D. verurteilt worden, weil er angeblich den Kommunisten Hilfeleistung gegeben hatte, und als „Überzeugungstäter“ war er ja aus dem Zuchthaus in den Festungsflügel der Strafanstalt überwiesen worden – so leugnete Scheringer nicht, daß er Nationalsozialist war. Hatte A. D. erst in der Gefangenschaft die marxistische Literatur kennengelernt (er wollte wenigstens nachträglich wissen, was man ihm vorwarf), so hatte Scheringer seine nationalistischen Thesen parat, die er denn auch in Diskussionen leidenschaftlich vertrat,

Es kam so weit in den Gesprächen Scheringers mit den Kommunisten, daß die Debattierenden sich darauf einigten, eine Reihe präziser Fragen den nationalsozialistischen Führern vorzulegen. Scheringer machte von dem Vorrecht der Festungsgefangenen Gebrauch, nahm Urlaub auf Ehrenwort und suchte, da er Hitler selber nicht erreichen konnte, Dr. Goebbels auf, den unheimlich begabten und fanatischen Propagandisten der Partei. Ihm legte er die Fragen vor.

Goebbels behandelte den Gast mit aller Bonhommie. Und Scheringer kehrte mit tiefer Enttäuschung in die Festung zurück. Neue Diskussionen. Leidenschaftliches Für und Wider.Dies endete schließlich damit, daß Scheringer sich von den Nationalsozialisten lossagte, um sich dem Kommunismus in die Arme zu werfen. Dies in dem Augenblick, da Deutschland sich anschickte, nationalsozialistisch zu werden.

Monate vergingen, und der „Führer ergriff die Macht“. Als A. D. davon in seiner Zelle hörte, beglückwünschte er sich heimlich zu seinem Verhalten. Er hatte sich immer gegen die Behauptung gewehrt, Kommunist zu sein; er hatte jeden Anlaß, daß man dies von ihm vermuten könnte, gemieden wie die Pest. Von den Nationalsozialisten wußte er nichts Näheres. Er war ihnen nirgends in den Weg getreten. Er hatte während der „Kampfzeit“ still im Kittchen gesessen. Er hatte sozusagen gefehlt.

Plötzlich trugen sie SA-Uniform