IX. A. D. in Buchenwald – Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Salomon

Nachdem A. D. – damals ein junger Reichswehrleutnant – irrtümlich zur Zuchthausstrafe verurteilt, ebenso irrtümlich zu Festungshaft begnadigt und schließlich im selben Jahr, in dem er entlassen werden sollte, von den Hitlerleuten ins KZ gesteckt worden war, da er – ebenfalls irrtümlich – für einen Kommunisten gehalten wurde, war er einer der ersten Gefangenen von Buchenwald bei Weimar, jenes Lagers, das eine grauenhafte „Berühmtheit“ in der Welt erlangte.

In einem mächtigen Rechteck wurde der schöne und stolze Buchenwald abgeholzt. Und erst jetzt wurde dieses Stück Erde, das nun durchaus kein Buchenwald mehr war – o List der Idee! –, Buchenwald genannt. Schon immer von Winden umtost, wurde der freie Fleck hoch droben am Abhang nun zum Fang der Stürme, von eisigkalten Winterwinden, die, von keinem lebendigen Wachstum mehr aufgehalten, auf Stein und Schotter prallten, in den engen Gassen zwischen den Baracken um die Ecken winselten, mit gefährlichem Pfeifen aber tobend auch über jenen großen, vollkommen freien, der Windseite zu leicht geneigten Platz, der als Appellplatz dienen sollte.

Als A. D. mit einer Gruppe von Leidensgenossen aus Lichtenburg in Buchenwald eintraf – es war dies im Frühjahr 1938 –, befand sich das Lager noch im ersten Stadium des Aufbaues. Es standen schon etwa achtzehn Baracken, die von Holzwerken fertig zum Aufbau angeliefert worden waren. Jede Baracke sollte 180 bis 200 Gefangene fassen. Die Bauarbeiten hatten jene ersten Gruppen von Gefangenen geleistet, die anfänglich noch mit ihren Bewachern zusammen in Zelten gehaust hatten. Nun mußten die ersten Steinbauten für Führer und Unterführer, ferner sogenannte „Hundertschaftshäuser“ für die Wachmannschaften errichtet werden. Eine weitgeschwungene Postenkette umgab die Arbeitenden. Der Zaun war noch nicht errichtet. Am Lagertor wurde noch gearbeitet, einem langen, flachen Steinbau, der auf der einen Seite die Blockführerstuben und die Torwache, auf der anderen aber die Arrestbunker aufnehmen sollte. Über dem eigentlichen Tor des dergestalt in der Mitte geteilten Hauses erhob sich der erste und größte Wachturm, auf welchem die Posten vor den Maschinengewehren standen und in dessen Umgang Scheinwerfer und Signalanlagen eingebaut waren. Das schmale Tor selber bestand aus einem stählernen Gestänge, zwischen dessen Stäben in verziertem Metall der Spruch des Lagers eingelassen war. Er hieß: „Jedem das Seine.“

„Suum cuique“ – so lautete einstmals der Helmspruch der preußischen Garde. Und nichts vermag besser die völlige Sinnentleerung der übernommenen Symbole zu kennzeichnen, als an dieser Stelle die Übersetzung dieses Spruches.

Die Steine für den Haus- und Straßenbau kamen aus einem das Lager begrenzenden Steinbruch. In ihm begann die erste Arbeit A. D.s in diesem Lager. Der Steinbruch war von Posten umstellt. Anfangs gab es noch keine Loren, keine Schienen. Die unten gebrochenen Steine mußten in Mollen auf den Schultern nach oben befördert werden. Berufsverbrecher hatten zu dieser Zeit als sogenannte „Kapos“ und Vorarbeiter die unmittelbare Aufsicht über die Arbeitenden. Jede Fortbewegung sollte auch hier im Laufschritt geschehen. Die Steine wurden schließlich auf schwere Eisenkarren geladen, die von den Gefangenen gezogen werden mußten. Dabei mußten diese menschlichen Zugtiere singen. Sie wurden „singende Pferde“ genannt. Die unhandlichen, ungefügen Karren drohten immer wieder, den Händen der Ziehenden zu entgleiten. Es war aber den Gefangenen strengstens untersagt, die Knüppel loszulassen, an denen sie zu ziehen hatten. A. D. war noch nicht lange bei dieser Arbeit, als ihm einmal ein Posten die Mütze vom Kopf riß und sie weit wegwarf.