Walter Ulbricht hat eine Korrespondenz mit der volkseigenen Menagerie begonnen. Briefpartner sind die Kuh Flora und das Schwein Jolanthe, zwei muntere Tiere aus dem Stall der Propaganda-Graphiker. Flora und Jolanthe sind schon seit ein paar Wochen unterwegs zu Besuch auf den Volkseigenen Gütern (VEG), bei den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) und bei den werktätigen Einzelbauern, die – wenn es nach dem Plan ginge – gegenwärtig nicht mehr als vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bestellen dürften. Bis zum zehnten Jahrestag der Gründung der Sowjetzonen-Republik sollten nämlich sechzig Prozent der Nutzfläche genossenschaftlich oder sozialistisch bewirtschaftet sein.

Doch es ist in den vergangenen Monaten nicht so gegangen wie die Agrarplaner der DDR es sich gedacht hatten. Flora und Jolanthe gaben darüber so alarmierende Berichte im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“, daß die oberste politische Führung sich genötigt sah, einzugreifen. Sie hatte triftige Gründe dafür.

Am drittletzten Novembertag, als der Brief Ulbrichts veröffentlicht wurde, meldete das DDR-Ministerium für Landwirtschaft und Forsten, daß noch rund 18 000 Hektar Zuckerrüben zu roden seien, daß von weiteren 52 000 Hektar die Zuckerrüben abgefahren werden müßten, und daß an Wintergetreide im Gebiet der DDR 70 000 Hektar nicht bestellt seien.

Von der sträflich verzögerten Hackfruchternte war in dem Brief Ulbrichts jedoch nicht die Rede. Er nahm auch nicht direkt Bezug auf das Debakel in der Versorgung der Bevölkerung mit Molkereiprodukten, Eiern, Obst und Gemüse. Er schrieb an Flora und Jolanthe, er sei empört über „leitende Organe, die landwirtschaftliche Fragen dem Selbstlauf überlassen und statt einer Leitung, die von wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgeht, ein bürokratisches Registrieren durchführten“. Und er sagte deutlich, „daß man jetzt nicht alle Mängel in der Marktproduktion mit dem entschuldigenden Hinweis auf die Dürre abtun kann“.

Ulbricht vermied es allerdings in seinem Brief, die Schuld an all den Mängeln – vor allem in der Viehhaltung – bei jener Agrarpolitik zu suchen, die es zuwege gebracht hatte, daß die landwirtschaftlichen Kerngebiete der DDR, die Bezirke Schwerin, Rostock, Neubrandenburg und Magdeburg, „den größten Rückstand im 100-Hektar-Besatz und in der durchschnittlichen Milchleistung je Kuh“ haben. Er deutete einen der Gründe für diese Entwicklung an: Die nach sozialistischem Prinzip genossenschaftlich bewirtschafteten Betriebe strengen sich nur – falls sie überhaupt auf Rentabilität bedacht sind – so weit an, daß die Finanzen stimmen. Wenn die Ackerwirtschaft genügend abwirft, wird die Viehhaltung gedrosselt. Dann gibt es weniger Futter-, Pflege- oder Krankheitssorgen.

Besonders verärgert zeigte sich Ulbricht über den Bezirk Rostock, wo sich nach seiner Darstellung ein Weltspitzenniveau“ im Butterverbrauch entwickelt habe bei stagnierender landwirtschaftlicher Produktion, und wo die Funktionäre des Staatsapparates noch darangingen, eine Butterverbrauchswerbung zu entfalten. Ulbricht fragte: „Betrachten es Staatsfunktionäre im Bezirk Rostock als ein erstrebenswertes Ziel, mit aller Gewalt die Zahl der Krankenhausinsassen mit Kreislaufstörungen zu erhöhen?“

Diese rhetorische Frage ist jedoch absurd. In der DDR, die sich noch Ende vorigen Jahres erbot den gesamten Bedarf Westberlins an, Milch und Gemüse zu decken, wird Butter gegenwärtig nur auf Kundenliste abgegeben; das Obst- und Gemüseangebot ist so kümmerlich wie seit Jahren nicht mehr. Auch für die Bevölkerung auf dem Lande gibt es keine Ausnahme, denn nach der Weisung Ulbrichts sollte man jetzt damit beginnen, die Initiative darauf zu lenken, den innerwirtschaftlichen Verbrauch tierischer Produkte in allen landwirtschaftlichen Betrieben einzuschränken“.

Ulbricht hofft wohl, er habe mit seinem Brief an Flora und Jolanthe die Notbremse zum Stopp der Versorgungskrise gezogen. „Wirksame Hilfen“ soll nun das zu Anfang Dezember einberufene 7. Plenum des SED-Zentralkomitees geben. Inzwischen hat die Freie Deutsche Jugend eine Bewegung ins Leben gerufen, der die gewichtige Parole gegeben worden ist „Pro Kuh pro Tag ein Liter Milch mehr“. Christian Bielenberg