Das Unbegreifliche ist das Unerträgliche. Dies Unbegreifliche schwebte über allen ferneren Jahren der Gefangenschaft, die A. D. zu erdulden hatte: Bis er in Landsberg, dem amerikanischen Gefängnis, einen Mann traf, dessen Schicksal wiederum auf eigentümliche Weise mit dem seinigen verknüpft war. Dieser Mann war ein hoher SS-Führer gewesen damals, als die unbegreiflichen Dinge mit A. D. geschahen: er hatte als Höherer Polizei- und SS-Führer des SS-Oberabschnitts Werra/ Fulda Befehlsgewalt sogar über den Lagerkommandanten von Buchenwald gehabt. Später in Landsberg sprachen die beiden Männer über das, was geschehen war, über die Dinge, die der eine an höchster Stelle, der andere am eigenen Leibe erfahren hatte.

Es war alles ganz einfach gewesen. Es war ungeheuer logisch zugegangen. Vor dem Knäuel der Möglichkeiten hatte A. D. den einfachen Faden nicht zu finden gewußt. Nun also erfuhr er:

Der Lagerkommandant war nicht nur unglaublich korrupt, er war auch luetisch. Das durfte allerdings weder seine Dienststelle noch seine Frau erfahren. Er aber hatte erfahren, daß in seinem Lager auch Spezialisten waren, die ihn behandeln konnten. War er geheilt, so wußte er Mittel und Wege, daß der Mitwisser seiner Krankheit ewig schweigen mußte: Im Krankenbau war Walter Krämer, ein Mann von hoher Intelligenz, der im Laufe seiner langen Gefangenschaft sich mit brennendem Eifer der Heilkunde gewidmet und als Krankenpfleger einzigartige Gelegenheit gehabt hatte, sich mit der Behandlung von Krankheiten jeder Art praktisch vertraut zu machen. Krämer behandelte den Kommandanten und heilte ihn.

Eines Tages kam der Höhere und SS-Polizei-Führer zur Inspektion nach Buchenwald. Es bestanden gewisse Differenzen persönlicher Art zwischen ihm und dem Lagerkommandanten: Der Höhere Führer wußte zum Beispiel, daß sich der Kommandant mehrfach abfällig über die Abstammung seines Vorgesetzten aus dem Hochadel geäußert hatte. Der Kommandant hatte also einigen Grund, dem Höheren SS-Führer gefällig zu sein. Als er nun erfuhr, daß dieser an den Folgen eines Autounfalles litt, empfahl er seinen trefflichen Heilkundigen, den politischen Häftling Krämer. Der Höhere Führer ließ sich von ihm behandeln und kam mit ihm ins Gespräch. Er wurde sodann nicht nur befreit von seinen Schmerzen, sondern auch von mancherlei falschen Vorstellungen über dies Lager. Seither lag dem Kommandanten noch mehr daran, den unbequemen Zeugen Krämer loszuwerden. Kaum, daß die Denunziation der Grünen eingelaufen war, hatte er die Gelegenheit dazu. Die Verhaftung von Peix, von A. D. und Schwarz war offensichtlich nur Tarnung gewesen; auf Krämer kam es dem Kommandanten an. Es scheint, daß Krämer und Peix, dessen bester Freund, nicht vernommen, sondern sogleich mit einem Lastwagen nach einem Flugplatz gebracht worden waren. Dort bekamen die beiden Häftlinge den Auftrag, herumliegendes Papier aufzulesen. Die Posten waren angewiesen, auf Krämer und Peix zu schießen, sobald diese ihnen den Rücken zukehrten. Wie immer hieß es auch diesmal: „Auf der Flucht“ erschossen ...

Von diesem Vorfall hörte der Höhere Polizei-Führer durch den Routine-Bericht. Zwar waren Erschießungen bei Fluchtversuchen nicht außergewöhnlich in jenen außergewöhnlichen Zeiten. Aber hier fiel dem Polizei-Führer der Name Krämer auf. Den Mann kannte er. Und eins war sicher: Dieser Krämer war viel zu intelligent gewesen, zu einer Zeit, da die deutsche Niederlage nahe war und er sich ausrechnen konnte, daß die Zeit seiner Gefangenschaft nicht mehr allzu lange dauern werde, einen so törichten Fluchtversuch zu unternehmen. Der Lagerkommandant mußte schon Gründe gehabt haben, diesen Mann durch einen privaten Mordakt aus dem Wege zu räumen. Der Höhere Polizei-Führer sandte also einen Untersuchungsrichter der SS. Das Ergebnis der langwierigen Untersuchung war, daß der Kommandant abgesetzt und verurteilt wurde.

Damals begriff A. D. weder die Absetzung des Kommandanten noch verstand er, wieso er selber in den „Bunker“ gebracht und daraus auch wieder hervorgeholt worden war. In welchem Grade A. D. wieder im Vertrauen seiner Kameraden stand, erfuhr er mit Beglückung, als es gelang, ihn vor dem Vernichtungstransport zu bewahren und damit vor dem sicheren Tod zu retten.

Im Lager wurde trotz des Krieges mehr denn je gebaut. Immer neue merkwürdige Stationen mußten eingerichtet werden. Die Arbeitskraft des Lagers sollte bis zum letzten Tropfen

Fortsetzung auf Seite IV