Nicosia, im Dezember

Einigkeit fällt schwer in Zypern – auf einer Insel, wo Familienfehden und politische Vendetten tief in die Vergangenheit zurückreichen und Freundlichkeit gegenüber einem Nachbarn oft die Feindseligkeit des anderen Nachbarn weckt. Der Wahlkampf für die Präsidentenwahlen am Sonntag macht von dieser Regel keine Ausnahme.

Die türkische Minorität – 18 Prozent der Inselbevölkerung – hat letzte Woche ihren Volksgruppenführer Dr. Fazil Kütschuk zum alleinigen Bewerber um den Posten des Vizepräsidenten gewählt. Auf der griechischen Seite hatte Erzbischof Makarios ursprünglich gehofft, der einzige Präsidentschaftskandidat zu bleiben. Seine Hoffnung war nicht unberechtigt: Die nachrevolutionäre EOKA, die nationalistische Mittelklasse und der ganze Bauernstand – rund sieben Zehntel der griechischen Zypristen – stehen schließlich im seiner Seite. Doch diese Wahlrechnung ging nicht auf.

Eines hatte Makarios nicht ahnen können: daß sich die radikale Rechte und die radikale Linke in einem Bündnis gegen ihn, zusammenfinden würden. Genau das ist allerdings geschehen. Als Exponent der Unzufriedenen und Übergangenen – jener Bürgermeister zumal, die dem Freiheitskampf der EOKA die kalte Schulter gewiesen hatten und ihre Rathausstühle den Engländern verdanken – bildete der 73jährige Rechtsanwalt John Clerides die Demokratische Union, der die kommunistische Partei der Insel (AKEL) prompt ihre Unterstützung lieh. Das einzige verbindende Element zwischen den ungleichen Bettgenossen: Auch die AKEL-Leute hatten die EOKA nie unterstützt.

Erzbischof Makarios war nicht daran gelegen, die Kommunisten in die Opposition zu treiben. Eine Einheitsfront hatte ihm vorgeschwebt, die auch die AKEL einschließen sollte. Von den 35 Parlamentssitzen, die den 550 000 Griechen nach den Zypernabkommen zustehen (15 entfallen auf die 90 000 Türken) wollte er der KP sieben einräumen. Die AKEL-Führung aber verlangte elf Sitze, und sie verlangte überdies, daß die restlichen 24 Mandate gleichmäßig zwischen der EDMA (der Partei der EOKA-Rebellen) und der Demokratischen Partei aufgeteilt würden. Makarios konnte nicht anders als nein sagen, denn dieses Arrangement hätte die AKEL nach den Parlamentswahlen im Januar zum Zünglein an der Waage gemacht und des Erzbischofs Partei von vornherein in eine hoffnungslose Minderheit gebracht.

So treten denn im höchst emotionalen Wahlkampf jetzt Grieche gegen Grieche auf – ja, sogar Vater gegen Sohn. Der Sohn (und Anwaltssozius) des Makarios-Opponenten John Clerides verwaltet im Interimskabinett des Erzbischofs das Justizministerium, und er nahm letzte Woche kein Blatt vor den Mund: „Über Mutter und Vater Steht das griechische Vaterland. Ich hoffe nur, daß mein Vater sich seine Opposition gegen Makarios noch einmal überlegt

Mitte dieser Woche sah es nicht so aus. Aber es sah auch nicht so aus, als ob Clerides senior im Sonntag eine große Gefolgschaft finden werde. Alles deutete auf einen überwältigenden Wahlsieg des Erzbischofs hin, dem die Stimmen der frommen Bauernschaft gewiß sind. Seine Opponenten, so schätzt man in der Inselhauptstadt, werden Höchstens 30 Prozent der Stimmen erhalten. Und es gilt als sicher, daß mancher Anhänger der Linken seine Stimme trotz aller Propaganda insgeheim dem Erzbischof geben wird.

Barbara Cornwall