Das erste größere Stillegungsprojekt im Ruhr-, bergbau ist in der vergangenen Woche beschlossen worden. Die größte westdeutsche Zechengesellschaft, die Gelsenkirchner Bergwerks-AG, wird sich im Laufe der nächsten zwei Jahre von ihren drei Verlustzechen trennen, die unter kaufmännischen Gesichtspunkten schon längst hätten geschlossen werden müssen. Daß davon in früheren Jahren nicht die Rede war, lag nicht nur an den überkommenen Vorstellungen des Bergbaus selbst. Die erbitterte Diskussion um die Stilllegung der drei Bochumer Zechen hat gezeigt, welche Schwierigkeiten sich dem Bergbau, selbst wenn er die eigenen Tabus vom „nationalen Reichtum“ überwindet, noch entgegenstellen. Das Beispiel der GBAG hat aber auch gezeigt, daß die Arbeitnehmervertreter in den mitbestimmten Aufsichtsräten überfordert sind, wenn von ihnen Entscheidungen erwartet werden, die nach übergeordneten wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu treffen sind.

Eindeutiger konnte sich Heinrich Gutermuth in der Gelsenkirchener Aufsichtsratssitzung – in der die Arbeitnehmerseite geschlossen gegen die Stillegung der drei Zechen gestimmt haben – kaum als Vertreter einer Interessengruppe ausweisen. Weder die betriebswirtschaftlich belegte Tatsache, daß ein Weiterbetreiben der drei Verlustbetriebe die Rentabilität des gesamten Unternehmens gefährden würde, noch der sogenannte Sozialplan des Unternehmens, der den zu entlassenden Bergarbeitern über die Unterstützung der Bundesregierung und der Hohen Behörde hinaus zusätzlich finanzielle Garantien bietet, haben ausgereicht, um ein positives Votum der Arbeitnehmerseite für diese erfreuliche Initiative der Unternehmensleitung zu erreichen. Gleichwohl, ob den Bergarbeiterführer Gutermuth gewerkschaftstaktische Erwägungen bei der Ablehnung der Zechenstillegung geleitet haben, d. h. also, ob es ihm wirklich ernst war, das Bochumer Projekt zu Fall zu bringen – es bleibt die höchst ungemütliche Feststellung, daß die dringend notwendige unternehmerische Initiative bei der Kohle allzu leicht im Keim der Mitbestimmung erstickt werden könnte.

Immerhin aber ist bei der GBAG der Kampf um die Schließung der Grenzzechen jetzt – wenn auch noch keineswegs beendet – so doch aber entschieden. Die nach der Stillegung verbleibende Förderung, die dann gegenüber dem besten Jahr vor der Kohlenkrise um etwa 20 v. H. gesenkt sein wird, glaubt das Unternehmen vorerst auf absehbare Zeit am Markt unterbringen zu können. Das Beispiel Gelsenkirchner Bergwerks-AG, auf den gesamten Ruhrbergbau übertragen, würde die Reduzierung der Jahresförderung von 135,5 Millionen Tonnen in 1956 auf 110 Mill. Tonnen bedeuten. Der bisher gelegentlich vom Unternehmensverband Ruhrbergbau angepeilten Jahresförderurig liegen noch immer erheblich optimistischere Erwartungen über den künftigen Kohlenabsatz zugrunde. Wenn der mutige Kapazitätsschnitt der größten Zechengesellschaft den Weg in eine Zukunft ohne Kohlenhalden weisen soll, dann wird noch manches andere Unternehmen an der Ruhr diesem Beispiel folgen müssen. –

In einem Gespräch mit der Presse hat der Gelsenberg-Vorstand unmittelbar nach der entscheidender. Aufsichtsratssitzung Einblicke in die Kostenrechnung gegeben, die sonst im Bergbau nicht üblich sind. Die mit der Stillegung zu erreichende Verringerung des Kohlenangebotes ist keineswegs das Hauptargument für die Durchführung. Seit der Neugründung der GBAG im Jahre 1953 sind bei den drei Zechen Verluste von 112 Mill. DM entstanden, und es besteht nach Auffassung der Verwaltung nicht die geringste Hoffnung, daß sich die Kostenstruktur jemals günstiger entwickeln werde. Das Unternehmen könne, wie Vorstandsvorsitzer Bergassessor Hans Dütting nachdrücklich betonte, jetzt auch nicht mehr damit rechnen, daß die Ergebnisse der guten Anlagen in Dortmund und Gelsenkirchen die Verluste in Bochum ausgleichen könnten. Vielmehr würde ein Weiterbetreiben der drei in Frage stehenden Anlagen die Rentabilität des gesamten Unternehmens aufs Spiel setzen.

In den Gesamtselbstkosten liegt die Bochumer Gruppe – zu der immerhin noch zwei „bessere“ Betriebe gehören – um 25 v. H. über den Dortmunder und Gelsenkirchener Anlagen. Die Arbeitskosten allein sind um mehr als 30 v. H. höher und die Energiekosten um 66 v. H. Trotz umfangreicher Kapitaleinsätze in den vergangenen Jahren konnte die Ungunst der geologischen Verhältnisse hier nicht verbessert werden.

Mit der Stillegung, die sich über zwei Jahre erstrecken soll, wird allerdings nicht gleich der Schlußstrich unter die Verlustzahlen gezogen werden können. Im ersten Jahre werden die Kosten sogar noch höher sein als beim Betrieb der drei Anlagen. Aber auf die Dauer kann doch eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des übrigen Unternehmens erwartet werden. In drei bis vier Jahren etwa würden die Stillstandskosten – einschließlich Wasserhaltung – drei bis vier Mill. DM jährlich erreichen. Darin sind nicht die Kosten für den Sozialplan enthalten; diese sind z. Z. noch nicht übersehbar.

Die Verwaltung der GBAG hat den durch die Stillegung freiwerdenden Arbeitnehmern ein großzügiges Angebot gemacht, das über die finanziellen Beihilfen der Montanunion und der Bundesregierung hinaus eine weitere Sicherheit für die betroffenen Bergarbeiter bietet. Nachdem im Bochumer Raum schon in den letzten beiden Jahren die Belegschaften planmäßig abgebaut worden sind (der größte Teil ist freiwillig in andere Wirtschaftszweige abgewandert), sind auf den Zechen Engelsburg, Friedlicher Nachbar und Prinz Regent gegenwärtig noch 6500 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Da gleichzeitig auch auf den guten Gelsenbergzechen die Abwanderung eingesetzt hat, sieht das Unternehmen eine gewisse Chance darin, Bergleute von den Bochumer Verlustzechen auf die Anlagen in Dortmund und Gelsenkirchen zu überführen. Allen Untertagebergleuten bis zum Alter von 50 Jahren wird daher grundsätzlich die Übernahme in andere Schachtanlagen der Gesellschaft garantiert. Dabei wird sogar befürchtet, daß längst nicht alle angesprochenen Arbeiter diesem Rufe folgen werden.