„Im Winter 1943/44 wurden eines Tages vier russische Kriegsgefangene in Block 46 eingeliefert. Diese waren vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin angefordert worden und kamen aus verschiedenen Stalags (Kriegsgefangenenlager) nach Buchenwald. Wie Ding-Schuler bemerkte, handelte es sich um zum Tode Verurteilte; sie sollten wiederholt flüchtig geworden sein und dabei Diebstähle, Einbrüche und Raubüberfälle ausgeführt haben. Durch Arthur Gadzinski, der über russische Sprachkenntnisse verfügte, versuchte ich, von den Kriegsgefangenen eine Bestätigung dieser Angaben zu erhalten. Aus ihren Worten ging hervor, daß einzelne tatsächlich bis zu sieben Malen geflohen und wieder festgenommen worden waren. Auf die Fragen, wovon sie auf der Flucht gelebt hätten und was das Ziel ihrer Flucht gewesen sei und ob sie nach der Wiedereinbringung bestraft worden waren, erklärten sie übereinstimmend, es sei ihnen durchweg von Landsleuten, die sie vielfach als freie Arbeiter in Deutschland antrafen, weitergeholfen worden. Nach ihrer Wiedereinlieferung in ein Stalag mußten sie viele Wochen läng gefesselt in Dunkelarrest zubringen. Von einer Verurteilung zum Tode besaß nach meiner vorsichtigen Sondierung in dieser Richtung keiner eine Ahnung. Alle vier machten einen sympathischen, intelligenten Eindruck. Nach dem Dienstgrad befragt, bezeichneten sich einer als Leutnant, zwei als Feldwebel und einer als Unteroffizier.

Ampullen in der Aktentasche

Die Einlieferung von Kriegsgefangenen in Block 46 war ein ungewöhnliches Ereignis und erregte deshalb ein um so größeres Aufsehen bei den politischen Häftlingen im Lager. Sofort erkundigten sich bei mir Mitglieder der illegalen Lagerleitung, was man mit diesen Kriegsgefangenen vorhabe, und forderten mich auf, alles daranzusetzen, um sie am Leben zu erhalten.

Einen Tag nach der Einlieferung der Kriegsgefangenen in Block 46 erschien in den Abendstunden SS-Sturmbannführer Dr. Ding-Schuler in Begleitung der SS-Hauptsturmbannführer Dr. M. und Dr. W., dieser nach Dr. Ding-Schuler ein Spezialist des Mord-Dezernates der Berliner Kriminalpolizei. In einer Aktentasche brachten sie Hunderte von Luminal- und Atropin-Ampullen mit. Sie verlangten das Apothekerhandbuch zwecks Feststellung der zulässigen Höchstdosierung und kamen überein, je zwei der Kriegsgefangenen das Siebenfache der im Apothekerhandbuch als Höchstdosis bezeichneten Menge Luminal beziehungsweise Atropin zu injizieren.

Die Durchführung erfolgte in Gegenwart der beiden SS-Hauptsturmbannführer, die beide entsicherte Pistolen in den Manteltaschen für den Fall eines Widerstandes bereit hielten. Hinterher wies Ding-Schuler den Saalpfleger an, für jede Versuchsperson eine Fieberkurve anzulegen, halbstündlich die Körpertemperatur zu messen, die Pulsschläge zu zählen, die „Patienten“ unausgesetzt zu beobachten und alle Wahrnehmungen genauestens aufzuzeichnen. Danach verließen die drei den Block 46. Ich suchte sofort den Krankenbau auf, um dort einige Kameraden von dem Geschehenen zu unterrichten und mit ihnen zu beraten, was dagegen unternommen werden könnte. Von dem Wissen und der Überlegung ausgehend, daß Luminal auf den Organismus lähmend, Atropin dagegen erregend wirkt und die Wirkung des einen Giftes durch nachträgliche Verabreichung des anderen möglicherweise neutralisiert wird, wurde beschlossen, den verzweifelten Rettungsversuch zu wagen.

Den Saalpfleger entfernte ich unter dem Vorwand, ihn für zwei Stunden abzulösen. Zusammen mit Arthur Gadzinski ging ich dann ans Werk. Der Erfolg war überwältigend. Die mit Luminal Vergifteten wurden allmählich unruhig, die mit Atropin ruhiger. Nach etwa anderthalb Stunden boten alle vier den gleichen Anblick: Sie atmeten tief und schwer, wälzten sich im Bett umher, fuhren mit den Händen in der Luft herum oder versuchten, das Bett zu verlassen. Später kam es zu unvorstellbar starken Schweißausbrüchen.

Bei einem Kontrollgang um Mitternacht deutete nichts mehr auf den vorangegangenen stundenlangen Kampf um Leben und Tod hin. Alle schliefen friedlich in ihren Betten. Der nächste Morgen zeigte normale Temperatur und Puls, nur fühlten sie sich sehr matt und begehrten, weiterzuschlafen.