London, im Dezember

Wenn man zu einem Film eingeladen wird, der die Namen von Sir Carol Reed, Alec Guinness, Graham Greene und Noel Coward nennt, lohnt es, sich in das Vorweihnachtsgewühl des Londoner Westens zu begeben. Der neue Columbiafilm heißt „Unser Mann in Havanna“ nach dem gleichnamigen Roman Graham Greenes. Der Autor gilt als unser behördlich lizensierter Pessimist und bevorzugt katholische Themen; aber dieses Buch ist eine bestrickende Satire auf den britischen Geheimdienst. Graham Greene schrieb das Drehbuch selbst, und der Regisseur Carol Reed hat es handlungsgetreu verfilmt.

Die Geschichte spielt in Havanna vor dem Sturz des Batista-Regimes; in dem überhitzten Klima von Spionage und Kontrespionage. Ein dort mit seiner hübschen 17jährigen Tochter wohnender Engländer, Mr. Wormold (Alec Guinness), Manager einer Staubsauger-Agentur, schlägt sich gerade so durchs Leben. Eines Tages erscheint bei ihm ein Geheimagent (Noel Coward), um ihn für den britischen Geheimdienst zu engagieren. Obwohl Wormold ein harmloser Mensch ist, der nur Sinn für das Wohlergehen seiner Tochter hat, läßt er sich als Spion anwerben. Erstens appellierte man – wie jeder Staat das so gern macht – an seinen Patriotismus, und zweitens reizte das Geld. In seinen Berichten an die Londoner Zentrale erfindet Wormold dann geheime Vorkommnisse in den kubanischen Bergen. Der Chef des Geheimdienstes, der nur den Code „C“ als Namen trägt, wird auf die emsige Tätigkeit des neuen Spions aufmerksam und schickt als zusätzliche Hilfe die schöne Geheimagentin Beatrice (Maureen O’Hara). Wormolds Leben wird kompliziert, denn er verliebt sich in die Spionin. Später verstricken sich in sein Lügengewebe unschuldige Menschen, und der Polizeichef von Havanna versucht Wormold auf die „andere“ Seite zu ziehen. Als darauf sein bester Freund, ein Auslandsdeutscher Dr. Hasselbacher, ebenfalls in den Strudel gerät und ermordet wird, erkennt Wormold mit Schrecken, daß in der harten Wirklichkeit Spionage gar nicht so harmlos ist.

Nun werden in England viele selbstironische Filme gedreht, denn wie überall, wischt man auch auf den britischen Inseln der Obrigkeit gar zu gern eins aus. Mit diesem Film hat jedoch Carol Reed alle Satiren übertroffen, obwohl er sich auf das gefährliche Gebiet der „Spionageabwehr“ begeben hat. Sobald der Stoff Gefahr läuft, sich in dämonischem Plüsch zu verfangen, gelingt es dem Regisseur des „Dritten Mannes“, das Thema zu ironisieren.

Die Besetzung des Films ist wie stets bei Carol Reed mit größtem Fingerspitzengefühl ausgesucht worden. Alec Guinness umgibt die Rolle des Wormold mit einer Aura von listiger Harmlosigkeit, und Noel Coward drückt alle Nuancen aus, deren englische Selbstironie fähig ist. Schauspielerisch der gefährlichste Konkurrent für Guinness ist jedoch Burl Ives, der die Rolle des Auslandsdeutschen Dr. Hasselbacher verkörperte. In einer kleinen, aber erschütternden Szene überrascht Mr. Wormold seinen alten Freund in einer alten deutschen Uniform aus der Kaiserzeit, die sich der Doktor angezogen hat, um sich an entschwundene Zeiten zu erinnern. Es ist eine Szene, die in deutschen Filmen kitschig geraten würde und die meisten englischen Regisseure boshaft werden ließe. Deutscher plus Uniform gleich Militarismus! Nichts dergleichen bei Carol Reed. Beim englischen Publikum hätte eine alte englische Garde-Uniform keine größeren Emotionen auslösen können...

Ganz raffiniert ist auch die satirische Behandlung gewisser britischer Eigenschaften, zum Beispiel die sofortige Kompromißbereitschaft, die in Europa oft als Heuchelei ausgelegt und den Briten vorgeworfen wird. Der britische Geheimdienst aber, der in diesem Film verlacht wird, ist dem Durchschnittsbriten sowieso ein Dorn im Auge. In einem Lande, wo jede Institution sehr genau unter die Lupe genommen wird, ist natürlich diejenige, die „geheim“ sein muß, besonders suspekt.

Die Welt produziert jährlich etwa 800 Spielfilme. Wenn davon etwa dreißig über den Durchschnitt ragen, können wir uns beglückwünschen. „Unser Mann in Havanna“ ist einer der besten Filme dieses Jahres. Anfang 1960 wird er auch in der Bundesrepublik anlaufen. Es ist kein Riesen-Super-Galafilm, aber ein witziger und weiser Film. Und da es ein britischer ist, kann man den englischen Filmherstellern viele ihrer Sünden vergeben. H. M. Nieter O’Leary