XII. Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Salomon

Der unschuldige A. D. gehörte im Konzentrationslager Buchenwald zu denen, die die berüchtigte „Isolier-Station“ für medizinische Versuche an Häftlingen zu einer rettenden Insel machten. In eigenen Aufzeichnungen berichtet der ehemalige Reichswehrleutnant vom Kampf um eine Gruppe alliierter Offiziere – die Häftlinge Peuleve, Dodkin, Hessel –, die ums Leben gebracht werden sollten. A.D. schreibt:

Eines Sonnabendvormittags wird plötzlich vom Häftlingsrevier telephonisch angefragt, ob sich ein Häftling Peuleve in Block 46 befinde und ob dieser vernehmungsfähig sei. Ich bejahe die erste und verneine kurz entschlossen die zweite Frage. Zugleich bitte ich, erfahren zu dürfen, wer diese Auskunft verlange, „Die politische Abteilung“, erhalte ich zur Antwort. Aha, denke ich, jetzt wird es ernst.

Ich bin äußerst beunruhigt. Sofort informiere ich Hessel, der fließend Deutsch spricht, und setze mich mit Kogon in Block 50 in Verbindung. Kogon, der mir schon die ganze Zeit in den Ohren gelegen hatte, den Leiter der Station, Dr. Ding-Schuler, einzuweihen, was mir zu riskant erschien, empfiehlt mir nochmals dringend, es endlich zu tun. Währenddem kommt Dr. Ding-Schuler nach Block 46 und fragt nach einem Häftling Peuleve.

Ich erkläre ihm, dieser liege in bedenklichem Zustand danieder. Dr. Ding-Schuler will Peuleve sehen. Ich führe ihn in einen der im Erdgeschoß liegenden Säle und weise auf einen fremden Franzosen, der unlängst von einem Kölner Transport mit Fleckfieber eingeliefert worden war. Er war nicht bei Bewußtsein. Gemeinsam kehren Dr. Ding-Schuler und ich nach oben zurück. Dort versuche ich, Dr. Ding-Schuler auszuforschen, was mit diesem Häftling sei: die „Politische Abteilung“ habe sich bereits gleichfalls nach ihm erkundigt. Dr. Ding-Schuler erwiderte: „Der Häftling ist ein englischer Offizier und soll exekutiert werden.“ Man könne doch nicht einen schwerkranken Menschen exekutieren, entgegne ich. Darauf bemerkt Dr. Ding-Schuler, es seien heute bereits eine Anzahl exekutiert worden, und der Vollzug sei versehentlich schon durch Funkspruch nach Berlin gemeldet. Deswegen pressiere es nun dem Kommandanten. Ich schweige und überlege fieberhaft. Ding entgeht nicht, daß mich innerlich etwas beschäftigt. Er fragt, was ich auf dem Herzen hätte. Ich denke an Kogons Drängen und wage in meiner Not, zu bekennen, was ich getan habe.

Zu meinem Erstaunen und zu meiner größten Erleichterung zieht Dr. Ding-Schuler nicht sofor: die Pistole, wie ich halb und halb erwarte, sondern nimmt mein Geständnis auffallend gelassen hin, nennt mich einen „Teufelskerl“ und fragt, ob ich schon mehr solche Sachen gemacht habe. Das bejahe ich nunmehr freimütig. „Und was soll jetzt geschehen?“ fragt Dr. Ding-Schuler. Ich bitte ihn, bei der Kommandantur vorstellig zu werden und auf den angeblich schwerkranken Zustand des Delinquenten hinzuweisen. Nach kurzer Oberlegung erklärt sich Ding dazu bereit. Bevor er geht, wünscht er aber die drei Offiziere zu sehen. Ich eile in den Nebenraum, in dem ich sie verborgen halte, unterrichte sie rasch von Dr. Ding-Schülers Wunsch und stelle sie ihm vor. Dr. Ding-Schuler spricht zunächst englisch, dann französisch zu ihnen, weil er diese Sprache besser beherrscht; ich vermag aber diesem Gespräch nicht zu folgen. Am Schluß verabschiedet sich Dr. Ding-Schuler von den dreien mit einem Händedruck. Hinterher äußern sie sich hochbefriedigt zu mir und glauben, es sei viel gewonnen. Ich bin skeptisch. Dr. Ding-Schuler kann und wird sich nicht exponieren.