Von Erwin Topf

Über die Note, die das Jahr 1959 verdient, wird man sich recht schnell einigen können: Die binnenländische Konjunktur war besser als erwartet werden konnte; sie war sogar, trotz der strukturellen Flaute im Kohlenabsatz, im ganzen recht gut. Dieses Urteil kann sich auf die im Bonner Wirtschaftsministerium erarbeiteten Schätzungen stützen, wonach das Bruttosozialprodukt, fürs ganze Jahr gerechnet, nominal um 6,5 v. H. zugenommen hat, gegenüber 6,1 v. H. im Vorjahr (1958), und wonach die reale Wachstumsquote etwa 5 v. H. ausmacht, gegen 2,8 v. H. im Vorjahr (und gegenüber einer auf 3 oder 3,5 v. H. lautenden Vorausschätzung). Es ist somit, alles in allem, doch noch ein recht gutes Jahr geworden, und die Besorgnisse, die anfangs für die Textil- und Bekleidungswirtschaft galten, haben sich verhältnismäßig schnell und leicht be- . hoben. Außer dem Schiffbau und mit einigem Abstand auch dem Stahlbau gibt es kaum noch irgendwelche Branchen des Investitionsbereichs, die als Sorgenkinder anzusprechen wären. Noch weniger Anlaß zum Klagen liefert der Verbrauchsgüterbereich. Die Umsätze im Einzelhandel schließlich zeigen mit einem Plus von 5 v.H. (gegen 4,6 v. H. im Vorjahr) ein ausgeglichenes Wachstum.

Sehr viel schwieriger ist es nun freilich, zu einerÜbereinstimmung im Urteil über den Stand der Dinge heute zu gelangen. Es gibt Fachleute der Konjunkturbeobachtung, die ihren Klienten einzureden versuchen, es sei trotz massiver Warnungen des Bundesbank, trotz zweimaliger Erhöhungen von Diskont und Mindestreservesätzen, eigentlich noch gar nichts passiert. Entsprechend lauten ihre Prognosen für den Verlauf des neuen Jahres, daß die Hochkonjunktur zunächst einmal unverändert andauern werde, und daß erst in der zweiten Jahreshälfte "gewisse Dämpfungserscheinungen" zu erwarten seien, aber auch dann nur "leichtere" und "temporäre". Mit solchem Verharmlosen ist weder der Geschäftswelt noch den Trägern der Kredit- und Konjunkturpolitik ein Gefallen getan, im Gegenteil. Die Waffe der moral suasion, der psychologischen Beeinflussung, wird dadurch noch stumpfer gemacht als sie ohnedies schon ist, wenn alle diejenigen, die sich für gut unterrichtet halten, eine Art Flüsterpropaganda treiben, mit der beruhigend sein-sollenden Versicherung, der Zentralbankrat wolle sich mit einigen restriktiven Maßnahmen nur ein Alibi schaffen: im Grunde aber meine er es gar nicht so ernst und wolle nicht scharf schießen – es sei denn gegen die angekündigten Lohn- und Gehaltserhöhungen.

Noch bedenklicher ist die andere Variante der Kritik, die mit blankem Hohn erklärt, Bundesbankpräsident Blessing sei nicht in der Lage, mit kreditpolitischen Mitteln die Geldfülle einzudämmen, weil jede solche inlandswirksame Maßnahme zwangsläufig einen Zufluß von Auslandsgeld nach sich ziehen müsse. – So geht es in der Wirklichkeit nicht zu; hier macht es eben einen erheblichen Unterschied aus, ob vagabundierende Auslandsgelder bei uns eine kurzfristige Anlage suchen, oder ob eine Überfülle an Inlandsliquiditat besteht und nachhaltig Unfug stiftet – was eine scharf zugreifende Kreditpolitik bisher noch immer hat inhibieren können.

Richtig ist an den kritischen Bedenken gegenüber dem neuen konjunkturpolitischen Kurs, der seit zwei Monaten gesteuert wird, daß es heute schwerer geworden ist, restriktiv zu wirken. Dergleichen ist aber eine Wahrheit, die wir uns längst an den Schuhsohlen abgelaufen haben. Ebenso ist klar, daß die Herstellung der Konvertibilität (ohne gleichzeitiges Wieder-in-Gang-Setzen der Goldwährung und damit flexibler Preise – oder flexibler Wechselkurse) den Spielraum der Zentralbank eingeschränkt hat.

Natürlich macht sich jetzt auch bereits die EWG bemerkbar, mit dem weitgehenden Verzicht auf handelspolitische Maßnahmen, in Form autonom durchzuführender Importerleichterungen, die als Unterstützung kreditpolitischer Aktionen wirken könnten. Das alles beengt die konjunkturpolitische Aktivität der Bundesbank und des Bundeswirtschaftsministers; andererseits aber fehlt es trotz guter Vorsätze noch immer an einem konjunkturpolitischen Instrumentarium in den Händen der EWG.

Richtig ist auch, daß es in oder nach Zeiten einer konjunkturellen Flaute leichter ist, den Kurs zu ändern, also der Unternehmertätigkeit neue Impulse zu geben, als in der entgegengesetzten Situation "dämpfend" auf eine allgemein gewordene Übernachfrage einzuwirken. Im ersten Falle hilft, wenn sonstige Anregungen versagen sollten, mit Sicherheit die ultima ratio der Ankündigung größerer öffentlicher Aufträge und sonstiger kreditfinanzierter "Ankurbelungsaktionen" : deficit spending also.