Bei unserer Art der öffentlichen Ausgabenwirtschaft aber ist, unter entgegengesetztem Vorzeichen, so gut wie nichts auszurichten: die öffentlichen Ausgaben, einmal beschlossen und etatisiert, laufen mit der Macht eines Naturereignisses ab, und es ist keinerlei "Manövriermasse" an Aufträgen vorhanden, die im Sinne einer antizyklischen Haushaltspolitik zurückgestellt werden könnten. Das ist deshalb so gravierend, weil ja die öffentlichen Ausgaben in der Bundesrepublik, 40 v.H. des Sozialprodukts ausmachend, besonders schwer (und mehr als in allen anderen vergleichbaren Ländern) ins Gewicht fallen. Die Konsequenz hieraus ist zwangsläufig, daß alles, was an Dämpfungsmaßnahmen erzwungen wird, den privatwirtschaftlichen Bereich trifft.

Allenfalls könnte zu erreichen sein, daß sich die öffentliche Hand dazu bereit findet, ihre Investitionen doch etwas anders zu finanzieren als bisher vorgesehen, nämlich unter tunlichster Schonung des Kapitalmarktes. Dergleichen ist zwar grundsätzlich bedenklich: mitunter aber muß man sich für das kleinere Übel entscheiden. Und das größere Übel wäre eben die Inanspruchnahme des Kapitalmarktes für öffentliche Investitionsvorhaben, solange der Kapitalmarkt die Anleihen werte nicht als Daueranlage aufzunehmen bereit ist, und solange diese Anleihen zu erheblichen Teilen lediglich zur vorübergehenden Anlage von flüssigen Mitteln – Geldmarktmitteln also! – benutzt werden.

Die Situation auf dem Kapitalmarkt ist nun einmal gründlich verfahren; es hilft nicht das geringste, demgegenüber die Augen zu verschließen, und immer noch dem "Wunder" der Zinssenkung von 1957/58 nachzutrauern ... so überflüssig es andererseits auch sein mag, jetzt noch die Schuldfrage aufzuwerfen: wie es zur Umkehr der Zinstendenz kommen konnte. Dabei ist dieser; Tendenzwandel gar nicht weiter verwunderlich; in Zeiten der Hochkonjunktur pflegt nun einmal der Kapitalzins anzusteigen. Verwunderlich ist, wenn überhaupt, in diesem Zusammenhang nur, daß sich zwischen dem Kapitalzins von 5,5 bis 6 v. H. heute und der Aktienrendite von 2,2 v. H. (gegenüber 3,3 v. H. noch vor Jahresfrist) eine derart große Spanne bilden konnte. Aber gerade das ist zusammen mit der Unergiebigkeit des Kapitalmarktes für festverzinsliche Emissionen eines der vielen konjunkturpolitisch bedenklichen Symptome.

Die anderen Symptome dieser Reihe sind so bekannt, daß man sie kaum aufzuzählen braucht. Sie betreffen die Überliquidität, die Überbeschäftigung am Arbeitsmarkt (mit der Konsequenz, daß mehr und mehr über den Tarifen liegende Löhne gezahlt werden) sowie die Übernachfrage, die zu einem bedrohlichen Auftragsüberhang bereits geführt hat, und die nun dazu führen muß, daß Überpreise bei prompter Lieferung bewilligt und schließlich auch allgemein gefordert werden. Das ist zwangsläufig, und dagegen hilft auch keine "Seelenmassage". Ebensowenig würde hier die Herstellung einer "vollkommenen Konkurrenz" helfen, oder das Hereinholen ausländischen Wettbewerbs. Was helfen kann, ist allein die zeitliche Vorwegnahme einer Entwicklung, die sich auch sonst, und "von selber", vollziehen würde.

Anders gesagt ist es jetzt die Aufgabe der Konjunkturpolitik, den Auftragsüberhang rechtzeitig abzubauen. Dabei muß eine vielleicht geringe, vielleicht sogar zeitweilig auf Null reduzierte Wachstumsquote in Kauf genommen werden, damit Insolvenzen, Geschäftszusammenbrüche und eine ganze Kettenreaktion von Verlusten verhindert werden können. Betroffen werden in erster Linie jene Zweige der Investitionsgüter – Industrien und ihrer Zulieferer, die im konjunktur rellen Aufschwung am stärksten expandieren.

Mitbetroffen sind natürlich alle übrigen Geschäftszweige; diese aber um so weniger, je früher und wirkungsvoller gebremst wird, und je weniger Einbußen deshalb die Vollbeschäftigung der Arbeitskräfte erfährt. So gesehen, ist es also nicht ganz zutreffend, daß harte konjunkturpolitische Dämpfungsmaßnahmen immer nur die Falschen träfen.

Fazit: die antizyklische Konjunkturpolitik, wie sie die Bundesbankleitung in Gang gesetzt hat, wird "durchgestanden" werden müssen. Das bringt für das neue Jahr viel geschäftliche Unruhe und Unbequemlichkeit, auch Härten und Umstellungsnotwendigkeiten mit sich. Aber vermutlich wird es gelingen, rechtzeitig in die Rezession überzuleiten, ehe es zu einem allgemeinen Dammbruch der Preise und Löhne kommt. Sollte dieser allgemeine Dammbruch dennoch erfolgen, so wird es zu Steuererhöhungen (oder zur Einführung neuer Steuern) kommen.

Auf diese Alternative dürfte vermutlich auch Präsident Blessing in dem von ihm geforderten Gutachten über die Konsequenzen von Lohn- und Gehaltserhöhungen für die Entwicklung "der Preise" hinweisen.